Mein Herz wird weit. Psalm 57:8-12

von Edwin Boschmann

Mein Herz wird weit. Psalm 57:8-12

Am kommenden Mittwoch fängt die Fastenzeit an. Es sind die 40 Tage vor Ostern, die bei uns Christen in der westlichen Welt in besonderer Weise durch Enthaltsamkeit und Gebet geprägt sein sollen. Der gewählte Zeitraum hat zwar mit der Bibel nichts zu tun, doch ist das Anliegen einer besonderen Zeit der Enthaltsamkeit und des Gebetes sehr wohl biblisch. So möchten wir als Gemeinde, soweit es möglich ist, die Themen aufgreifen, die für diese Zeit von der evangelischen Kirche vorgeschlagen wurden. Das übergeordnete Thema für diese 40 Tage lautet: „Gott führt uns aus der Enge.“ Doch nun zum biblischen Text für heute: Psalm 57:8-12: „Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe. Wach auf, meine Seele, wach auf, Psalter und Harfe, ich will das Morgenrot wecken! Herr, ich will dir danken unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten. Denn deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. "Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt!"“

 

  1. Mein Herz ist bereit

Ein offenes und bereites Herz gegenüber Gott zu haben hat wenig mit den äußeren Umständen zu tun. Als David dieses Lied schrieb, wurde er vom König Saul verfolgt und versteckte sich mitten in der Wüste in einer Höhle. Am Anfang des Psalms schreit David sein Leid und seine Angst heraus. Im zweiten Teil des Lieds kommt sein Herz in Gott zur Ruhe. Mitten in der Wüste erwartet David Gottes Herrlichkeit.

Zwei Mal bekennt David: Mein Herz ist bereit, wach auf, meine Seele. Zwei Mal singt er diese Worte. Können wir das auch? Und ich kann mir vorstellen, dass beim Komponieren dieses Liedes, David diese Verse ständig und immer wieder wiederholt hat, bis es für ihn gepasst hat. Man muss ja nicht Lieder deswegen immer gleich 10 Mal durchsingen, damit der Inhalt sitzt. Aber Wiederholung ist wertvoll. Wenn wir etwas wiederholen, dann prägt sich das besser ein. Dann macht dies etwas mit unserem Herzen.

Ich weiß nicht, was dich heute bedrängt. Geht es dir gut? Oder bist du von Krankheit, Alter oder Not gezeichnet? Was quält dein Herz? Was lässt dich nicht zur Ruhe kommen? Ich ermutige dich, egal welche Umstände du gerade erlebst, dein Herz vor Gott bereit zu machen. Lieder sind dafür ein gutes Medium. So wie bei David. Singt euch hinein in die Gegenwart Gottes. Öffnet unserem himmlischen Schöpfer eure Herzen. Mein Herz ist bereit! Wach auf, meine Seele! Sag es jetzt, da wo du gerade sitzt. Mein Herz ist bereit für dich, oh Gott! Wach auf, meine Seele!

Für mich persönlich ist es ganz wichtig, diese Bereitschaft gegenüber Gott jeden Morgen als erstes auszudrücken. Mein Herz zu öffnen und ihm den beginnenden Tag anzuvertrauen. Singen tue ich das nicht. Das wäre mir doch etwas zu peinlich, und gut singen kann ich schon gar nicht. Aber oftmals fallen mir gerade in dieser Zeit auch Liedverse oder einzelne Strophen oder Zeilen ein, die ich dann wiederhole und für den Tag verfestige. Ich will ganz bewusst jeden Morgen mein Herz öffnen und Gott darin einladen. Das ist ein guter und wichtiger erster Schritt in einen gelingenden Tag mit Gott.

 

2. Alle Völker sollen unseren Dank hören

So ganz individualistisch, wie die persönliche Öffnung ausschließlich unserer Herzen gegenüber Gott, ist aber die Bibel nicht. Wir sind als Gemeinschaft das Volk Gottes. Wir sind als Gemeinschaft unterwegs ihm die Ehre zu geben – durch unser Leben. Diese Gemeinschaft der Christen ist sehr eingeengt. Es sind derer, die Christus in Deutschland anbeten, nicht wirklich so viele. Gott reicht das aber nicht. David singt: „Herr, ich will dir danken unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten.“ Gottes Lob soll überall erschallen. Nicht nur in den Gemeinden, nicht nur in Hauskreisen, nicht nur unter Christen. Diesen Aufruf zum universellen Gotteslob finden wir in der ganzen Bibel verteilt. Gott soll für alle sichtbar und erlebbar werden. Genau das ist was Jesus Christus getan hat, als ER Mensch wurde und zu uns kam. Er blieb nicht in seinem Haus versteckt. Er war nicht nur in den Synagogen oder im Tempel zu finden. Nein, er war da, wo die Menschen waren. Wo Zöllner und Sünder waren, da war Jesus nicht weit weg.

Ich wünsche mir die heilende Gegenwart von vielen Christen in unserer Gesellschaft. In der Politik, in den Gaststätten, in Vereinen, egal wo. Ich wünsche mir, von meinem eigenen Leben, dass viel mehr Menschen Christus in mir wahrnehmen, die ihn noch nicht kennen. Dabei geht es nicht um christliche Lieder singen an öffentlichen Plätzen (kann man zwar machen, muss man aber nicht). Es geht auch nicht um Evangelisation. Das ist zwar auch wichtig, aber darum geht es hier auch nicht. Es geht darum, dass Menschen die auf der Suche nach Heil und Heilung sind, in ihrem Leben auf Gott stoßen können. Dass unsere Umgebung durch uns erlebt, dass Dank und Lob zu Gott emporsteigt. Durch unser alltägliches Leben steigt Dank zu Gott empor. Das kann man nicht verheimlichen. Das kann man nicht verstecken. Sollte das allerdings keiner aus deiner Umgebung mitbekommen, dann ist die Frage schon legitim, ob durch dein Leben Dank an Gott emporsteigt. Dankbare Menschen verströmen Dankbarkeit. Unser Dank als Christen gegenüber Gott soll für alle Menschen sichtbar sein.

Überlege, wo du deinen Dank gegenüber unserem großen Gott, anderen Menschen zeigen kannst. Gott wendet sich dir zu, wendest du dich anderen Menschen zu?

 

3. Gottes Größe

Im letzten Teil des heutigen Textes steht: „Deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. "Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt!"“ Die Worte: „Deine Güte reicht, soweit der Himmel ist“ kennen wir von Liedern. Ist das nur eine Floskel, die wir schon viel zu oft wiederholt haben? Oder sprechen euch diese Worte immer noch an?

Hier werden Güte und Wahrheit angesprochen. Das sind ziemlich entgegengesetzte Pole. Güte ist laut Duden die „freundlich-nachsichtige Einstellung gegenüber jemandem“. Wahrheit wird hingegen im Duden wie folgt beschrieben: „das Wahrsein; die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird; Richtigkeit; wirklicher, wahrer Sachverhalt, Tatbestand“. Die Wahrheit möchte Positionen klären. Die Wahrheit möchte alles ans Licht bringen und Klarheit schaffen. Die Wahrheit kann sehr hart sein, oftmals zu hart. Güte hingegen, freundlich und nachsichtig wie sie ist, sucht das Verbindende. Güte will das zusammen bringen, was sich der Wahrheit wegen getrennt hat.

Was mich an diesen beiden Worten fasziniert, sind zwei Dinge: 1. Wir als Menschen haben Schwierigkeiten Güte und Wahrheit zusammen zu halten. Entweder ich bin gütig, also freundlich und nachsichtig; oder ich bin wahrhaftig, ich will Fronten klären und sehen wie sich Sachverhalte tatsächlich darstellen. 2. Gott ist größer als wir Menschen. Gott hält diese für uns so gegensätzlichen Pole zusammen. Er verkörpert sie voll und ganz. Gott ist voller Güte und voller Wahrheit.

Dann geht es einen Schritt weiter. Gottes Güte reicht soweit der Himmel ist und seine Wahrheit soweit die Wolken sind. Gestern Morgen habe ich das Morgenrot beobachtet. Es war wunderschön und faszinierend. Ich musste einfach inne halten und es genießen. Aber mir vorstellen zu können, wie weit der Himmel hinter dem Morgenrot sein könnte, oder mit meinem Herzen die unendliche Weite der Wolken zu begreifen, das tue ich nicht. Intellektuell kann ich zwar die Dimensionen zum Teil nachvollziehen, aber sie entziehen sich voll und ganz meiner emotionalen Seite. Dann noch zu verstehen, dass es Gott ist, der die Himmel gemacht hat und den Wolken ihren Lauf vorgegeben hat, wow, das kann ich tatsächlich nicht begreifen. Und dann zu erkennen, dass dieser Gott Güte und Wahrheit in dieser mir schier unmöglich zu begreifenden Menge hat, übersteigt mein Denkvermögen. Ich kann es mit meinen Emotionen erahnen und mich diesem großen Gott hingeben. Dazu helfen mir die Lobpreiszeiten, in denen ich Gott auf der Ebene meiner Emotionen begegne. Aber ich bin mir bewusst, dass es nur eine sehr limitierte Version von Verstehen ist.

Braucht so ein großer und gewaltiger Gott uns Menschen? Nein. Gott käme sehr gut ohne uns zurecht. Trotzdem hat er sich im Menschen ein Gegenüber erschaffen. Wir sind in seinem Bilde erschaffen. Braucht Gott uns um seine Gemeinde zu bauen? Nein. Trotzdem lädt er uns ein, genau das zu tun. Er lädt uns ein, Partner an seinem Werk zu werden. Und Gott schaut nicht nur auf uns Christen – ER hat alle Menschen erschaffen. Diese Größe Gottes fällt mir oftmals schwer zu akzeptieren. Ich sehe oftmals in anderen Menschen nicht Gottes Ebenbildnis. Ich sehe vielmehr Fehler, Versagen, Ängste, Zweifel. Ich sehe oftmals Menschen, die Dinge tun, die nicht gut sind.

 

Meine persönliche Perspektive ist so begrenzt. Meine Perspektive ist stark davon begrenzt, Menschen, die mir ähnlich sind zu mögen und Menschen, die ganz anders als ich sind befremdlich wahrzunehmen. Ich nehme sie als Bedrohung für meine Werte und Einstellungen wahr. Gott will mich und dich in die Weite führen. Er ist ein Gott der Weite. Er hat dich und mich sehr unterschiedlich gemacht. Er ist Autor dieser ganzen Unterschiede. Gott ist ein großer Gott. Der allmächtige Gott. Schöpfer aller Unterschiedlichkeit.

 

Herr, ich will für dich bereit sein. Ich will mich von deiner Größe überraschen lassen. Ich will sie nicht als Bedrohung ansehen, sondern als Herausforderung, die du mir geschenkt hast. Lass mich von Dir lernen, von Deiner grenzenlosen Wahrheit und von Deiner Güte, die kein Ende hat. Herr, wie herrlich ist dein Name in aller Welt!

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