4. Advent. Philipper 4:1-9

von Edwin Boschmann

4. Advent. Philipper 4:1-9

Wie stellt ihr euch Weihnachten, oder überhaupt auch die Vorweihnachtszeit, vor? Viele von uns haben ganz bestimmte Vorstellungen davon. Es wird mit Freunden und Familie gefeiert. Es wird gut gegessen. Es soll besinnlich sein. Es sollte eine Zeit des Friedens und der Freude sein. Es gibt Geschenke.

Ein Jahr in Mosambik haben wir mit guten Freunden und Kollegen aus der Christlich Reformierten Kirche aus Holland gefeiert. Sie lebten 100 Kilometer südlich von uns, also fast in direkter Nachbarschaft zu uns. Unsere Krankenschwestern und wir waren dazu eingeladen. Eine Krankenschwester wollte aber allein mit der einheimischen Bevölkerung vor Ort feiern. So wirklich gut hat uns das nicht gepasst, aber was soll man tun.

Auf alle Fälle hatten wir eine sehr gute Zeit bei unseren Freunden. Es war der 24. Dezember Abends. Der Gottesdienst war vorbei, das Essen war so gut wie vorbereitet. Dann kam per Funk eine Nachricht zu uns durch (es gab keine Handys, Telefone oder dergleichen): Edwin, eure Krankenschwester liegt im Bett. Sie ist nicht ansprechbar. Wahrscheinlich wurde sie von einem Skorpion gestochen.

Ich ließ alles stehen und liegen und bin zurück nach Ile gefahren, wo wir lebten. Die Krankenschwester hatte einen anaphylaktischen Schock und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Somit habe ich sie ins Auto gepackt und bin mit ihr wieder zurück nach Mocuba gefahren. Das Ganze hat natürlich einige Stunden gedauert und war sehr dramatisch.

Hatte ich mir so Weihnachten vorgestellt? Wohl kaum. Ist damals für mich deswegen eine Blase zerplatzt? Auch nicht. Vielmehr habe ich damals die Zeit im Auto dafür benutzt über Jesus nachzudenken, und wie es für ihn gewesen sein musste auf die Welt zu kommen. Das war sicherlich nicht einfach. Und doch brachte er Frieden, trotz der furchtbaren Umstände der damaligen Zeit. Doch nun will ich uns den Text aus Philipper 4:1-9 lesen. Danach werde ich vor allem die Verse 4 und 5 beleuchten. „Also, meine lieben Brüder und Schwestern, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest in dem Herrn, ihr Lieben. 2 Evodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, dass sie eines Sinnes seien in dem Herrn. 3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Gefährte, steh ihnen bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen. 4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. 8 Weiter, Brüder und Schwestern: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht! 9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.“

 

  1. Freuet euch in dem Herrn

Als Paulus diese Zeilen schrieb, war er im Gefängnis. Es ging ihm sicherlich nicht gut. Er wartete auf die Entscheidung, ob er hingerichtet werden sollte oder freigelassen werden würde. Da ist nichts Feierliches dran. Trotzdem schreibt er gerade in dieser Situation seiner Lieblingsgemeinde ermutigende Worte. Auch wenn er sterben sollte, er würde gewinnen. Es war noch lange nicht alles verloren.

Da hinein schreibt Paulus: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ Es ist schon komisch, wenn jemand von außen sagt: Freue dich! Wohl gemerkt, als Imperativ. Aber als ich Heiligabend in Mosambik nicht mit Freunden feiern konnte, sondern unsere Krankenschwester abholte, die in Not geraten war, musste ich mich entscheiden, ob ich mich trotzdem freue oder mich nur ärgere. Das war meine persönliche Entscheidung. Die konnte mir keiner abnehmen.

Ja, wir können durchaus zu uns sagen: Freue dich! Auch wenn die Umstände nicht gerade passen, können und dürfen wir uns freuen. Wir allein können unsere Grundeinstellung bestimmen. Ob ich nun wie Paulus im Gefängnis sitze, oder  am 24. Dezember irgendwo im Auto im afrikanischen Busch bin, oder hier in Deutschland im Kreis der Familie am Weihnachtsbaum bin. Ich bestimme meine Grundhaltung.

Vorgestern habe ich eine alte Dame aus unserer Gemeinde besucht. Sie hat einen Haufen körperlicher Probleme. Trotzdem ist sie eine der zufriedensten Menschen die ich kenne. Sie freut sich über alles, worüber man sich freuen kann. Und das andere, naja, das nimmt man halt hin, da man es sowieso nicht ändern kann.

Worüber dürfen und können wir uns denn freuen? Ich freue mich über die vielen Lichter, die zurzeit viele Straßen schmücken. Ich freue mich über den Weihnachtsmarkt bei mir direkt vor der Haustür. Auch wenn ich da nicht ständig durchlaufen muss, sehe ich Menschen, die zusammen stehen, sich unterhalten und eine gute Zeit verbringen. Das freut mich. Ich freue mich über Süßigkeiten, die besonders in dieser Zeit eine große Rolle spielen. Die Tage habe ich von Freunden aus Bad Pyrmont ein Päckchen bekommen, mit Lichterketten, einer schönen Karte und ganz unterschiedliche Süßigkeiten. Ich habe mich riesig gefreut.

Wie Paulus, hätte ich genug Grund mich nicht zu freuen. Die äußeren Umstände sind z.Z. bei mir auch nicht prickelnd. Worauf lenke ich also meine Aufmerksamkeit? Auf all das, was nicht gut läuft? Oder auf Jesus, und die Hoffnung, die er uns gegeben hat? Und auf die Freuden, die er uns trotzdem schenkt?

Die Freude von der Paulus schreibt hat sehr viel mit seiner Frömmigkeit zu tun. Für Paulus sind Anbetung und Ethik nicht zu trennende Antworten von uns auf Gottes Gnade zu uns. Als Jude war für Paulus die Freude am Herrn, Gebet und Dank tief verankert. Ich will es mal für uns anders ausdrücken: Tiefe, echte Freude ist Ausdruck unseres christlichen Glaubens. Diese Freude ist bleibend und zutiefst spirituell und gekoppelt an unserer Beziehung zu Jesus. Diese Freude ist nicht von äußeren Umständen abhängig. Ich hoffe sehr, dass ihr diese Freude auch für euch diese Advents- und Weihnachtszeit erlebt. Wenn nicht, kann eure Freude ganz schnell kippen und in Frust und Ärger enden. Das ist nicht die Freude Jesu, wie ich sie in meinem Leben erlebe.

 

2. Güte leben

Der nächste Imperativ in Vers 5 lautet: „Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!“ Von außen soll bei uns Sanftmut/Güte sichtbar sein. Das ist eindeutig eine Andeutung an Jesaja 53:7, wo Jesus folgend charakterisiert wird: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.“ Schafe, wenn sie geschoren werden, machen super viel Krach. Und wenn sie gar geschlachtet werden sollen, dann gibt es keine Ruhe mehr. Jesus war da ganz anders.

Aber es geht nicht nur um die Leidenszeit Jesu. Es geht vielmehr um grundlegende Charaktereigenschaften unseres Lebens. Güte, nicht sorgen, eine Einstellung des Dankes, Wahrhaftigkeit, Ehrbarkeit, gerecht sein, einen guten Ruf haben, sich an Tugenden hängen, Lob ausüben. Prinzipiell sagt man, Charaktereigenschaften sind sehr schwer zu ändern. Sie sind ein fester Bestandteil unserer Persönlichkeit. Bei Leiterschaftskursen in Korntal wurde uns bezüglich Anstellungen gesagt: „Schaut auf die Persönlichkeit der Leute. Fertigkeiten kann man beibringen. Man kann Leute zu Fortbildungen schicken. Aber man kann fast nicht die Charaktereigenschaften verändern“. Prinzipiell stimmt das, und das deckt sich sehr gut mit meinen Beobachtungen. Bei Anstellungen würde ich jeden dazu raten, dies wirklich zu beherzigen. Und doch lässt Gott uns nicht so einfach davon kommen. Ja, Charakter ist schwierig zu verändern. Aber wir können sehr wohl negative Charaktereigenschaften in unserem Leben beeinflussen. Wir können an uns arbeiten. Gott will an uns arbeiten. Wir sollen nicht so bleiben, wie wir schon immer waren. Die Aussage: „so bin ich nun mal“ ist eine blöde Ausrede nicht an sich selber zu arbeiten.

Güte leben, sanftmütig sein. Sich nicht sorgen. Wir als Menschen haben die Tendenz auf das Negative zu schauen. Nicht umsonst gibt es in den Nachrichten so gut wie nie positive Dinge, die vermittelt werden. Das verkauft sich nicht. Es muss sensationell sein. Am besten noch nie dagewesen sein. Extra schlecht, extra viel Gewalt.

Güte leben: das kann viele Gesichter haben. Bei Besuchen in USA, als ich ein Kind war, habe ich mich über die Großzügigkeit vieler Christen gewundert. Das war echt toll. In Südamerika war es vor allem die Freundlichkeit gegenüber Kindern, die ich gut fand. In Deutschland ist es die nüchterne Hilfsbereitschaft und das Anpacken von Freunden, was ich bewundere. In Afrika war es die Zeit, die mir die Leute schenkten, was so ganz anders war. Immer waren Leute da, die Zeit für mich hatten. Auch wenn sie auf der Arbeit waren.

Gerade zur Weihnachtszeit wird stärker Güte gelebt als sonst im Jahr. Es gibt Spendengalas, bei denen wesentlich mehr gespendet wird als im Rest des Jahres. Die Spendenfreudigkeit gegenüber Hilfsorganisationen erlebt im Dezember einen regelrechten Boom. Das ist gut, aber nicht gut genug.  Überlegt einmal, in welchen Bereichen ihr Güte und Sanftmut von anderen empfängt. Und überlegt einmal, in welchen Bereichen ihr anderen eure Güte und Sanftmut spüren lässt. Als drittes könnt ihr noch überlegen, in welchen Bereichen von Güte und Sanftmut ihr noch nicht aktiv seid, aber es noch werden möchtet. Dann macht Nägel mit Köpfen. Plant heute noch diese Sachen durch und fangt heute damit an. Ansonsten wird es nichts.

 

3. Der Herr ist nahe

Am Ende von Vers 5 sind 4 Worte versteckt, die absolut wichtig sind. Nach mehreren Imperativen ist es das erste Indikativ. „Der Herr ist nahe.“ Was ist mit diesen 4 Worten gemeint? Ist gemeint: „Da der Herr immer nahe ist, seid nicht ängstlich. Lasst vielmehr eure Anfragen vor Gott kund werden.“ Oder ist gemeint: „Freuet euch im Herrn allezeit; und lasst eure Güte allen kundwerden, da das Kommen des Herrn nahe ist.“

Möglicherweise hat Paulus etwas von beidem gemeint. Zum einen ist unser Herr tatsächlich immer bei uns. Zum anderen erwarten wir noch die Erfüllung seines Kommens. Mit dem heutigen Tag geht die Adventszeit zur Neige. Und in Anbetracht der Tatsache, dass die Philipper von außen angefeindet wurden, so wie es auch bei Paulus der Fall war, wird die Zukunftshoffnung überwogen haben. Rom proklamierte: Cäsar ist Herr. Christen haben von Anfang an proklamiert: Jesus Christus ist HERR. Dem muss sich sogar Cäsar beugen. Dem müssen sich alle beugen.

Die Erwartung der Wiederkunft Christi war von Anfang an da. Es scheint so, dass die Jünger Jesu durchaus gemeint haben, dass Jesus zu ihrer Lebzeit wiederkommen würde. Nun sind schon 2.000 Jahre vergangen, und Jesus ist noch nicht wiedergekommen. Gerade in der Adventszeit sagen wir als Christen umso deutlicher: Der Herr ist nahe. Er wird wiederkommen. Er hat es versprochen. Nur weil er uns als Menschheit noch eine Gnadenfrist einräumt, heißt es nicht, dass er nicht sein Versprechen einlösen wird.

 

Was bedeutet es für mich in dieser Naherwartung Christi zu leben? Für mich bedeutet es, aus der Vergebung zu leben. Wir sind noch nicht da, wo wir sein möchten. Das kommt noch. Es bedeutet auch, sich vorzubereiten. Wir wollen auf das Kommen Christi vorbereitet sein. Wir wollen ein gutes und aufgeräumtes Leben führen. Es bedeutet für mich aber noch viel mehr, mich zu freuen. Das Beste steht uns noch bevor. Wir sind in der Zwischenzeit. Da ist alles noch nicht perfekt. Wir leiden, unsere Umwelt leidet, unsere Mitmenschen leiden. Umso mehr dürfen wir nach vorne schauen und uns freuen. Natürlich dürfen wir uns auch an dem freuen, was wir an gutes hier schon erleben. Aber wir dürfen nicht vergessen. Das Beste kommt noch.

 

Dazu gibt uns Gott seinen Segen. Wie es im Vers 7 steht: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.“

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