Ich lad euch ein. Matthäus 9:9-12

von Edwin Boschmann

Ich lad euch ein. Matthäus 9:9-12

Wer von euch war vergangene Woche im Laden einkaufen oder tanken? Könnt ihr euch noch an das Gesicht der Person erinnern, die euch bedient hat? Könnt ihr euch noch erinnern, was für einen Gesichtsausdruck diese Person hatte? Oder: seid ihr diese Woche an einem Flüchtling oder einem Bettler vorbei gekommen? Habt ihr dessen Gesicht gesehen? Könnt ihr euch am Gesichtsausdruck erinnern? Bevor ich weiter mache, will ich den Text aus Matthäus 9:9-12 lesen: „Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“

 

  1. Jesus sieht den Einzelnen

Eine geschlossene Tür hat viele Schilder: Der passt nicht zu uns! Die kann man doch nicht einladen! Was geht der mich an? Jesus handelt anders. Er ist, wie so oft, von einer Menschenmenge umringt, nachdem er jemanden geheilt hat. Beim Weiterziehen kommt er an einem Zollhaus vorbei und sieht einen Menschen am Zoll sitzen. Trotz der großen Menge an Menschen, die Jesus täglich umgaben, verlor er nicht den Blick für den Einzelnen. In diesem Fall sieht Jesus Matthäus.

Matthäus gibt, nach Aufruf von Jesus, prompt seinen Arbeitsplatz ab und folgt Jesus nach. Interessanter Weise sagt Jesus zu Matthäus: „Folge mir!“, doch es ist Jesus, der dem Matthäus nach Hause folgt. Jesus geht zu Matthäus nach Hause, nicht umgekehrt. Jesus hatte ja auch kein eigentliches zuhause. Jesus sieht Matthäus und geht in seinen Bereich hinein.

Es fällt uns wesentlich leichter jemanden zu uns einzuladen, als zu anderen uns unbekannten zu gehen. Wenn wir zu andere gehen, verlassen wir unser Territorium und müssen uns auf die anderen einlassen. Das tun wir normalerweise nicht so gern. Jesus tut das. Wenn wir offen sein wollen für andere, müssen du und ich unsere Komfortzone verlassen und uns auf die anderen einlassen. Dort hingehen, wo sie hingehen, dort sein, wo sie sind. Das tat Jesus. Gehst du auch dort hin, wo die anderen sind? Oder erwartest du, dass sie zu dir kommen?

Jesus sieht den Einzelnen. Jesus sieht uns heute Morgen. Es ist belanglos, ob Mennonit, Evangelisch, Katholisch oder was ganz anderes. Jesus sieht uns als Menschen, die ER gemacht hat. Wir sind seine Ebenbilder. Das ist das Erste, was Jesus sieht. Und wenn Jesus uns heute Morgen ansieht, dann freut er sich über uns. Und auch wenn manches unserer Person vielleicht etwas von Matthäus an sich hat, möchte er zu uns kommen. Es ist sein Wunsch heute im Gottesdienst mit uns Zeit zu verbringen, und nach dem Gottesdienst zu Hause zum Mittagessen und danach in die restliche Woche. Jesus sieht uns an und er möchte Zeit mit uns verbringen.

 

2. Jesus isst mit Zöllner und Sünder

Jesus geht mit Matthäus in sein Haus. Was dort passiert, ist eigentlich ganz normal. Matthäus lädt alle seine Freunde zu einem Fest ein. Es wird gefeiert, es gibt eine Party. Jesus genießt die Gastfreundschaft und die Delikatessen dieses Zöllners. Er fragt nicht nach den Kosten. Es ist ja nicht so, dass Matthäus mittellos wäre. Wenngleich ausgestoßen von der Gesellschaft, war er ein Yuppy (Young Urban Professional), der die Konventionen gebrochen hatte. Er hatte Reichtum und Macht durch Zusammenarbeit mit den Feinden vor einem anderen Leben vorgezogen. Seine Freunde waren aus den gleichen Kreisen wie er. Von der Gesellschaft an den Rand gedrängt und nicht beachtet, aber finanziell gut gestellt.

Zöllner waren damals die typischen Sünder. Zöllner, Huren und Sünder, das war im Sprachgebrauch das Gleiche. Zöllner waren diejenigen, die sich finanziell da bedienten, wo sie konnten, die großspurig auftraten und sich dadurch erst recht unbeliebt machten. Die Umherstehenden sahen sich ganz anders. Sie sahen sich als gut und heilig, im Gegensatz zu den Zöllnern. Sie sahen sich als anständig und besser. Sie sind selbstgerecht.

Wie gerne machen wir diesen Unterschied zwischen „uns“ und den „anderen“? Flüchtlinge, Homosexuelle, Bettler oder Andere? Das sind doch auf alle Fälle nicht wir, oder? Diesen Unterschied machen doch alle? Wir sind die besseren, die anderen sind die schlechteren. Unsere Regeln sind besser und heiliger, die anderen sind einfach anders und damit schlechter.

Sagen würden wir so etwas vielleicht eher nicht. Aber viele von uns denken es. Oft unbewusst.

Jesus stellt sich vehement gegen solch ein Denken. Er sieht die Person, ob Heuchler oder Sünder, oder beides. Oft halten uns gesellschaftliche Konventionen davon ab, mit Personen in Kontakt zu kommen. Was werden die anderen denken, wenn ich…Auch Jesus hatte seinen Ruf zu verlieren, als er zu Matthäus ging. Matthäus hatte keinen Ruf zu verlieren. Trotzdem begegnet Jesus den Ausgestoßenen ganz persönlich. Er geht zu ihnen und feiert mit ihnen. Jesus, der bedenkenlose Gast, war der große Grenzgänger. Er hat die Grenzen zwischen Gesunden und Kranken durchbrochen, zwischen Frauen und Männer, zwischen Sündern und Gerechten, zwischen Juden und Nichtjuden.

Nur wenn wir anderen offen entgegen treten, können sie sich öffnen. Genau das ist es, was Jesus tut. Ich ermutige dich, kommende Woche ganz bewusst und gezielt den Kontakt mit einer Person zu suchen, die sonst bei dir links liegen bleibt. Eine Person, die du zwar siehst, aber doch nicht wahrnimmst. Sei es der Bäcker, der Bettler oder sonst jemand. Ich bin sicher, wenn du dich dieser einen Person gegenüber öffnest, wirst du erstaunt sein, was passieren kann.

 

3. Jesus ist für die Kranken und Schwachen da, er kennt kein Schubladendenken

Haben wir Kranke und Bedürftige in unserer Gemeinde? Ich meine das innerlich, nicht äußerlich. Kranke und Alte haben wir sehr wohl in unserer Mitte. Und diese haben ihre Nöte und Bedürfnisse. Aber fühlen wir uns als eine Gemeinde von geistlich starken und gesunden Menschen? Ich habe die Befürchtung, dass wir uns sehr wohl als die Starken und Gesunden empfinden.

Man könnte es mit dem Kastensystem, das wir von Indien kennen, vergleichen. Oft belächelt man dies bei uns eher. Das Kastensystem gibt es aber nicht nur in Indien bei den Hindus. Das Kastensystem lebt und gedeiht sehr gut in unserer Mitte. Es lebt und gedeiht in unseren Köpfen. Wie viel Kontakt habt ihr zu Straffälligen, zu Bettlern, zu Flüchtlingen, zu Prostituierten (natürlich nicht im gewerblichen Sinne)? Auch in unseren Köpfen gibt es Schubladen. Gott durchbricht dieses Kastendenken. In Jesus Christus sehen wir, wie Gott handelt. Am Beispiel von Matthäus dem Zöllner, sehen wir wie Jesus vorgegangen ist. Jesus sah im anderen Gottes Ebenbild. Er sah im Gegenüber einen Menschen, der seiner Berührung bedurfte. Barmherzigkeit- es ist das Wesen und die Weite Gottes.

Jesus ging auf die Kranken und Schwachen der Gesellschaft zu. In diesem Fall war es Matthäus, der Zöllner. Finanziell gut gestellt, körperlich fit. Innerlich bedürftig. Ich bin sicher, dass wir genau von diesen Leuten viele in unserer Gesellschaft haben, ja vielleicht auch genau in unserer Mitte. Sie sind vielleicht nicht sichtbar, aber sie sind da. Natürlich haben wir auch zunehmend Flüchtlinge in unserer Gesellschaft, bei denen die äußeren Nöte sehr sichtbar sind. Aber sehen wir auch die Nöte derer, die uns von außen nicht auffallen?

 

Jesus möchte Gast bei uns sein und er ermutigt uns Gast bei anderen zu sein. Er lädt sich selber bei Matthäus ein, damit dieser seine Nähe erfährt. Ich ermutige euch, ich ermutige uns als Gemeinde, einladend zu sein. Nicht, indem wir alle Menschen hier zu uns in die Gemeinde bringen, oder gar in unsere Häuser. Das ist der letzte Schritt, wenn er denn gegangen wird. Ich lade euch ein, auf andere zuzugehen, eure Häuser und Sicherheiten zu verlassen, und auf andere zuzugehen. Mal wird es nicht so gehen, dann können wir natürlich auch zu uns in die Häuser einladen. Und einige von euch sind da sehr fleißig. Das ist gut. Diese Gastfreundschaft noch auf Leute auszudehnen, die so ganz anders sind als wir, das mutet uns Jesus zu.

Nicht, dass ihr nun auf alle Menschen losstürzt, die anders sind als ihr es seid. Aber wenn dir eine Person einfällt, in den Sinn kommt, und du dieser einen Person nachgehst, dann ist dieser einen Person geholfen. Genau darum geht es. Jesus will heilen. Er fängt bei der einen Person an. Tust du es auch?

Zurück

Einen Kommentar schreiben