Eine christliche Reaktion auf eine Welt, die aus dem Ruder läuft.

von Edwin Boschmann

Eine christliche Reaktion auf eine Welt, die aus dem Ruder läuft.

Angst breitet sich in unserem Land aus. Ich sprach die Tage mit jemandem auf der Straße über die Geschehnisse in Paris. Da war noch nicht die Rede der Absage vom Fußball- Länderspiel zwischen Deutschland und Holland in Hannover. Was ist eine gute, christliche Reaktion auf diese Begebenheit? Ebenfalls Angst und Furcht? Ebenfalls Ablehnung? Ebenfalls Tatenlosigkeit? Ich lese uns zum Anfang das Gleichnis vom Schalksknecht aus Matthäus 18:21-35: „Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er's nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's alles bezahlen. Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war. Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.“

 1.            Weltpolitisch

Unsere Welt läuft aus dem Ruder. 120 Tote in Paris. Meine Tochter fragt zu Recht, warum sich die Leute so aufregen. So viele Flüchtlinge würden doch ständig im Mittelmeer ertrinken und in anderen Ländern bei Attentaten sterben, und keiner nähme davon Notiz. Gewaltsamer Tod ist zur Normalität geworden. Aber in unserer Mitte? Was mich aber noch mehr erstaunt ist die politische Reaktion. Sie ist so vorhersehbar wie hilflos. Vergeltungsschläge, Rache, Gerechtigkeit. Noch mehr Tote. Diese Politik zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der USA. Vietnam, Kuwait, Irak, Afghanistan, der Rest der Welt. Die Suche nach Osama bin Laden und anderen Terroristen. Was ist eine richtige und angemessene Reaktion? Wie kommen wir aus diesem Teufelskreislauf raus?

Wir sprechen vom christlichen Abendland. Ist diese Gewalt das, was sich Jesus vorgestellt hat? Sagt nicht Jesus in der Bergpredigt: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“? Wie können wir als Land, oder sogar als Europa, ein Segen sein? Jesus sagt: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen (Lukas 6:27-28).“ Jesus starb am Kreuz und vergab noch am Kreuz denen, die ihn schmähten und ihm das Leben nahmen. Ich habe keine politischen Antworten parat. Es ist auch eine große und umstrittene Diskussion, ob die Bergpredigt für Einzelpersonen, für Gemeinden oder sogar für Staaten gemeint ist. Ich weiß nur, dass Hass und Vergeltung das Gegenteil von dem bewirken, was damit erhofft wird. Und ich verstehe nicht, dass Politiker nicht stärker neue Wege probieren und beschreiten. Hass schürt Hass. Albert Einstein schrieb: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Wir sind als Christen, berufen, ein Segen zu sein. Das fängt natürlich in unserer Mitte an, erstreckt sich aber in alle Bereiche hinein, in denen wir als Menschen agieren. Jesu Aussagen sind fast ausschließlich gesellschaftlich gemeint. Wir als Christen, wir als Gemeinde, wir als Christen aller verschiedenen Kirchen und Gemeinden, ja, wir sollen ein Segen sein. Das ist unser Auftrag. Wir sollen ein Segen für unsere Welt sein, die so sehr Heilung braucht. Die so sehr fragmentiert und zerstört ist. Segen. Wir sollen auf zerstörte Menschen zugehen, die andere zerstören, und für sie ein Segen sein.

 2.      Persönlich

Weg vom weltpolitischen, will ich zur persönlichen Ebene kommen. Was passiert, wenn Leute uns verletzen, unsere Lieben verletzen? Oder wenn wir durch Krankheit oder andere Vorkommnisse leiden? Was tut das mit mir? Was tut das mit dir? Die normale und menschliche Reaktion ist, dass wir uns von unseren Gefühlen leiten lassen. Diese Gefühle führen uns normalerweise einen Weg des destruktiven Handelns, des Hasses, der Verbitterung. Kennt ihr das von eurem eigenen Leben? Oder ist euch das total fremd? Wollt ihr euch tatsächlich von euren Gefühlen in den Weg des Verderbens begeben? Den Weg der inneren Verbitterung, des Hasses, der Unversöhnlichkeit? Das ist leider keine Theorie. Als wir vor gut 2 Wochen die eine konservative Moschee besuchten, platzte ein Mann in unser Gespräch hinein und hat uns als unrein verflucht. Mir hat dieser Mann unendlich leidgetan, da er so voller Hass war. Man hat diese Lebenseinstellung dieses Mannes schon von weitem gespürt und gesehen. Verbitterung. Hass.

Ich wünschte, es gäbe solches Verhalten nur bei anderen, und nicht in unserer Mitte. Stimmt das? Leider sprechen meine Lebenserfahrungen dagegen. Auch in unseren Kreisen gibt es genug Hass und Unversöhnlichkeit, um eine ganz intakte Welt ins Unglück zu stürzen. Gott sei es gedankt, dass wir einen Platz haben, an dem wir diesen Hass, diese Unversöhnlichkeit ablegen können. Wir können zu Jesus gehen und erleben in der Gegenwart Jesu Erneuerung und Veränderung. Dazu möchte ich die Geschichte von Renee, einer jungen Mutter erzählen. 1987 wurde ihr Mann Chuck mit einer bipolaren Störung diagnostiziert und in einer Psychiatrie interniert. Nach wenigen Wochen wurde Chuck gegen die ausdrückliche Bitte der Frau entlassen. Eine Woche nach der Entlassung ging Chuck aufs Feld und beendete sein Leben. Er ließ Renee und 2 kleine Töchter zurück. Hass, Wut und Bitterkeit füllten das Leben von Renee. Sie musste täglich, auf dem Weg zur Arbeit an der Klinik vorbei. Als Christin wusste sie, dass sie vergeben sollte, sie brachte es aber nicht übers Herz. Nach längerer Zeit hat sie aber ihr Recht abgegeben, die Wut, die Bitterkeit, die Unversöhnlichkeit zu nähren. Ein Prozess kam in Gang. Jeden Tag, an dem sie an der Klinik vorbei kam, sagte sie: „Herr, ich habe die Wahl getroffen diesen Leuten zu vergeben, die meinem Mann, gegen meinen Willen, entlassen haben.“ Nach einer gewissen Zeit stellte sich auch das Gefühl ein, dass sie tatsächlich vergeben hatte. Das hat Renee innere Freiheit geschenkt.

Vergebung ist nicht immer leicht. Dafür braucht es oftmals eine Gemeinschaft. Christen, die einem auf diesen Weg helfen und begleiten. Ich sprach die Woche mit Joshua Haverland, der letzte Woche bei uns gepredigt hat, genau über dieses Verhalten. Sie als christliche Familie haben sich bewusst in eine enge Gemeinschaft mit anderen Christen gestellt. Sie nennen sich „Gemeinschaft der Versöhnung“. Klingt eigentlich mennonitisch, oder? Und da wird bei den wöchentlichen Treffen durchaus angesprochen, wenn jemand sich so verhält, dass es Jesus keine Ehre gibt. Da wird durchaus angesprochen, warum man diesen oder jenen Punkt noch nicht mit den Anderen bereinigt hat. Das gehört zur Nachfolge. Nachfolge Christi ist ein Weg, den wir wählen, damit wir ein Segen Gottes für diese zerstörte Welt sind. Es kann nicht wie beim Schalksknecht sein, dass wir Segen von Gott und von unseren Nächsten erleben, und dann uns umdrehen und unsere Mitmenschen treten und misshandeln. Auch wenn sie es verdient haben. Das kann nicht sein. Das entspricht nicht der Nachfolge Jesu.

 3.      Warum Vergebung?

Doch, warum kann es für uns Christen nicht sein, dass wir Hass und Zerstörung von uns geben? Das hat zwei prinzipielle Gründe:

-          Zum einen geht es um mich. Wenn ich nicht vergebe, werde ich innerlich zerstört. Die Wut und der Hass breiten sich in meinem Leben aus und gewinnen immer mehr Platz in meinem Leben. Dabei geht es erst einmal noch gar nicht darum, von wo dieser Hass her kommt. Ob gerechtfertigt oder nicht. Ob mir jemand etwas Böses angetan hat oder nicht. Wenn ich nicht vergeben kann, wenn ich solche Situationen nicht unters Kreuz bringe, wird mich dieses Verhalten zerstören. Da ist es ganz egal, ob ich Christ bin oder nicht. Dieses Verhalten zerstört des Weiteren durch mich mehr und mehr die Leute um mich her. Dann ist es weit weg mit dem Segen, den wir für unsere Welt sein sollen und müssen. Eine andere Hoffnung hat unsere Welt aber nicht als Jesus Christus. Und wir sind die Zeugen, an denen die Welt sehen wird, ob das der wirkliche Weg zu echtem Leben ist.

-          Zum anderen geht es um Gott. Wenn wir nicht bereit sind zu vergeben, wird und kann uns Gott nicht vergeben. Das ist die Geschichte vom Schalksknecht. Das beten wir jeden Sonntag im Vater Unser. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Nach dem Vater Unser im Matthäusevangelium geht es folgendermaßen weiter: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“

 

Vergebung befreit. Vergebung schenkt neue Hoffnung. Vergebung schenkt Frieden in unruhige Herzen. Ich bin in der glücklichen Lage, solche Situationen der Vergebung ab und zu zu erleben. Es gib immer wieder auch in unserer Gemeinde Menschen, die es nicht mehr alleine schaffen, untereinander Vergebung auszusprechen. Das passiert. Wir sind in einer gefallenen Welt. Aber wir als Christen haben die Pflicht, nicht da stehen zu bleiben. Wir haben die Pflicht, Vergebung zu suchen. Auch wenn wir es alleine nicht schaffen. Wir haben eine Gemeinschaft der Versöhnung. Wir haben eine Gemeinschaft der Hoffnung. In eine gefallene Welt hinein zu verkünden, dass es nicht so sein muss. Dass es nicht gut ist, wenn es so ist, und dass es einen Ausweg in Christus gibt.

 

Ich weiß nicht, wo ihr gerade steht. Wenn bei euch Dinge im Leben sind, die der Versöhnung bedürfen, dann verlasst nicht diesen Saal, bevor ihr nicht die ersten Schritte der Versöhnung gegangen seid. Bleibt nicht da stehen, wo unsere Welt, wo Satan uns hin haben will. Geht aufeinander zu, macht den notwendigen Telefonanruf, damit sich eine Wende abzeichnet. Damit Vergebung geschieht. Das fängt klein an. Aber nur so erleben wir Frieden, Freiheit und Erlösung. Heilung, die von Gott kommt. Und nur so, können wir zur Versöhnung dieser Welt beitragen, die heute Versöhnung und Vergebung mehr denn je braucht.

 

Solltet ihr ein Gespräch brauchen, kommt nach dem Gottesdienst nach vorn. Oder sucht euch eine Person eures Vertrauens aus, damit Dinge bereinigt werden. Nur, bleibt nicht da stehen, wo ihr seid, wenn Unversöhnlichkeit sich in euer Leben gedrängt hat. Wir brauchen uns auch im Angesicht der weltpolitischen Ereignisse nicht von Furcht und Hass leiten lassen. Lasst uns nicht den scheinbaren Frieden der Welt suchen, der auf Gewalt vertraut sondern den Frieden Jesu Christi, der Versöhnung schafft. Christus spricht: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht (Johannes 14:27).“

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