Der größte im Himmel. Matthäus 18:1-5

von Edwin Boschmann

Der größte im Himmel. Matthäus 18:1-5

Heute feiern wir ausnahmsweise unseren Gottesdienst unter freiem Himmel. Man hört die Vögel zwitschern, der See vor uns ist herrlich. Die Bäume schützen uns vor allzu viel Sonne. Die Kinder können zuhören oder abwandern und am Rand spielen, wie sie es brauchen. So stelle ich mir viele Begegnungen Jesu mit seinen Jüngern und mit dem Volk Israel vor. So auch bei dem heutigen Text. Die Jünger waren in Kapernaum, am See Genezareth. Petrus hatte gerade einen Fisch gefischt und mit dem Groschen im Maul des Fisches die Tempelsteuer für Jesus und für sich bezahlt. In dieser idyllischen Situation entsteht eine Frage der Rivalität. Die Jünger wollen wissen, wer der Größte im Reich Gottes sein wird. Da steht: „Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wer ist nun der Größte im Himmelreich? Und er rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“

 

  1. Die Frage

Solch eine Frage wäre bei uns unempfindlichen und sehr geradeheraus sprechenden Deutschen schon eine Zumutung. Es wäre so, als ob ich diese Frage bei uns im Leitungskreis stellen würde. Wer von uns im Leitungskreis ist der Größte im Himmelreich? Natürlich mit der Forderung und Hoffnung im Hinterkopf, dass ich es natürlich bin. Die Frage als solches tut schon weh. Zurzeit Jesu war das noch viel stärker so. Eine Frage des Vergleichs von Status und Stellung in die Runde zu werfen war ein extremer Affront. Die Jünger konnten es einfach nicht lassen.

Viel schlimmer aber ist, dass die Jünger mit dieser Fragestellung eigentlich beweisen, dass sie in den letzten 3 Jahren mit Jesus so gut wie gar nichts kapiert haben, was Jesus vermitteln wollte. Im Reich Gottes geht es gerade nicht um Stellung und Status. Im Reich Gottes ist es gerade umgekehrt! Vor Gott sind wir alle gleich. Ja, so eine Frage wirft die Frage auf, ob die Jünger denn überhaupt kapiert haben woran sie glauben sollten. Mit dieser Frage stellen sie ihre Basis der Nachfolge Jesu komplett in Frage. Man könnte sogar noch weiter gehen: Mit dieser Frage stellen sich die Jünger nicht als Diener im Reich Gottes dar, sondern vielmehr als Gegner des Reiches Gottes. Der Sprachgebrauch den die Jünger hier nutzen ist genau der gleiche den die Gegner von Jesus ständig benutzen. Mit dieser Frage zeigen die Jünger ein absolutes Versagen der Implementierung zentraler Glaubensinhalte im Umgang miteinander.

Im Verständnis von Jesus – beim Umgang von Gläubigen miteinander – gab es absolut keinen Platz für Streit, Neid und Zwietracht unter den Jüngern.

Als Entschuldigung für die Jünger könnte man anführen, dass der Heilige Geist noch nicht ausgegossen worden war. Ehrlich gesagt, für mich hört sich die Entschuldigung wirklich mau an. Vielmehr bin ich erstaunt und erschrocken, wie oft mir heutzutage genau die gleiche Gesinnung bei Gesprächen mit Christen entgegenschlägt. Haben wir als Christen über die Jahrtausende nichts dazu gelernt?

Wie denkt ihr denn? Fühlt sich einer erhabener als der andere? In meiner Zeit hier in der Gemeinde habe ich versucht zu vermitteln, dass ich nicht höher oder wichtiger oder klüger als anderen bin. Ich habe versucht zu vermitteln, dass ich mir nicht zu gut bin um in der Küche zu helfen oder die Gemeinde zu putzen oder Müll wegzubringen oder Kranke zu besuchen oder sonstiges. Wenn ich das nicht habe vermitteln können, dann habe ich kläglich versagt. Ich hoffe ein bisschen von meinen Gedanken und meinem Handeln ist auf den einen oder anderen abgefärbt.

Jesus lenkt die Gedanken der Jünger um und zeigt, dass der Weg der Herrlichkeit durch Leid und Tod führt. Wollen sie wirklich die Adonisse und Protze im Reich Gottes sein, dann geht das nur durch den Weg der Schwere, des Dienens und des Leides. Wohl gemerkt, Jesus hat kurz vorher bereits 2 Mal gesagt, dass er selber Leid erleben wird und getötet werden wird.

 

2. Das Kind

Als Anschauungsmaterial nimmt Jesus ein Kind aus der Menge und stellt es vor sich in die Mitte. Kind und Diener sind das gleiche Wort im Aramäischen, was genau das vermittelt, was Jesus sagen will. Als wir in Mosambik waren, war es selbstverständlich, wenn ein Erwachsener einem Kind was gesagt hat, dass das Kind das auch getan hat. Am 1. September werden wir Minnichs bei uns zu Besuch haben. Sie werden den Gottesdienst gestalten. Fragt sie, wie es bei ihnen in Südostasien ist. Es ist selbstverständlich für sie, dass Kinder das tun, was Erwachsene ihnen sagen.

Der Pendel in unserer Gesellschaft ist genau auf die gegenüberliegende Seite geschlagen. Wenn eine fremde Person meinem Kind was sagt, dann soll es nicht hören, sich wehren und Abstand gewinnen. Das hat natürlich auch damit was zu tun, das wir nicht mehr in einer ländlichen Gesellschaft leben, in der jeder jeden kennt und alles von Bekannten beobachtet und kontrolliert wird.

Nun, Jesus nimmt auf alle Fälle ein Kind in die Mitte. Was Status und Stellung angeht, hätte man damals nicht eine schlechtere Wahl treffen können. Ein Kind war ein nichts, dass jeder hin und her scheuchen konnte. Wie gesagt, bei uns sieht es heute anders aus. Jesus nimmt ganz bewusst ein Kind. Jesus benutzt ganz bewusst dieses ungeheuerliche Beispiel um seine Botschaft zu vermitteln. Ein Kapitel weiter, im Matthäusevangelium Kapitel 19, nimmt Jesus wieder die Kinder in Schutz und weist die Jünger zurecht, dass sie Kinder zu ihn lassen sollen. Somit haben die Jünger die Botschaft nicht wirklich schnell begriffen.

Doch, worum ging es beim Beispiel der Kinder? Und dabei meine ich nicht größere Kinder, die schon relativ gut für sich sorgen können. Mit 12 Jahren wurden die Kinder beim Bar Mizwa als vollwertige Mitglieder in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Also hat Jesus ein jüngeres Kind als Beispiel genommen.
Was ist bei Kindern so anders? Sie können sich nicht selber verteidigen und sind schutzbedürftig. Das muss jemand anderes für sie tun. Damals wurden sie ständig hin- und her geschickt um kleine und unbeliebte Aufgaben zu übernehmen. Sie hatten freundlich zu sein und durften Erwachsenen nicht wiedersprechen.  Kinder können zwar brutal untereinander sein, aber sie haben keinen Blick für Unterschiede in Rasse, Herkunft oder Stellung. Kinder vergeben und vergessen schnell. Bei Schwierigkeiten ist ein Neuanfang relativ leicht möglich. Kinder lernen schnell und gern. Dabei stört es sie nicht, wenn sie oft und viele Fehler machen.

Genau solch ein Kind stellt Jesus in die Mitte. Für Stolz ist noch kein Platz. Für eine Absonderung von den anderen, um besser da zu stehen, ist noch kein Platz.

Wie sieht es bei uns aus? Wie stark ist unser Stolz ausgeprägt? Wie wichtig ist es uns, besser zu sein als die anderen, mehr zu verdienen, ein besseres Haus zu haben, bei wichtigen Feiern mehr eingeladen zu sein und bekannter zu sein? Das sind die Fragen der Jünger. Oder sind wir tatsächlich komplett selbstlos und freuen uns, wenn wir anderen helfen können weiter zu kommen, auch wenn es bei uns persönlich nichts wird?

 

3. Die Erniedrigung

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“

Die Aufgabe für die Jünger ist klar. Sie sollen ihr Denken komplett auf den Kopf stellen. Was sie denken ist einfach nur falsch! Wenden sie sich nicht ab von Stolz und Trachten nach mehr, sind sie raus. Dann haben sie im Reich Gottes nichts verloren. Das ist gekoppelt mit einer Selbsterniedrigung. Das ist gekoppelt mit dem werden wie ein Kind.

 

Ich weiß nicht, was ihr alles damit verbindet, wie ein Kind zu sein. In diesem Zusammenhang passen aber für mich 3 Aussagen hinein:

Wenn jemand einen Fehler macht, und zu stolz ist ihn zuzugeben, für den ist im Reich Gottes kein Platz.
Wenn jemandem Unrecht getan wurde, und diese Person das nicht abgeben und vergeben kann, für den ist im Reich Gottes kein Platz.

Wenn jemand sich zu fein ist um anderen zu helfen oder „niedere“ Aufgaben zu erledigen, für den ist im Reich Gottes kein Platz.

Diese 3 Aussagen könnten zur Bergpredigt passen, am Anfang des Matthäusevangeliums. Doch Jesus hört in unserem Text mit einer positiven Note auf. Wer sich so erniedrigt und seinen Stolz hinter sich lässt, wer vergibt und andere annimmt, wer sich nicht zu fein ist und sich selber erniedrigt, der ist der Größte im Himmelreich. Wer so wird wie ein Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Welches sind die Eigenschaften, die ihr mit Kindern verbindet, die uns dem Himmel näher bringen?

 

Ich wünsche uns allen, in diesen guten Eigenschaften, die uns tatsächlich dem Himmel näher bringen, zu wachsen. Ich wünsche uns im positiven Sinne so zu werden, wie Kinder es sind. Ich wünsche uns keine Rivalitäten untereinander, sondern vielmehr Unterstützung und Förderung.

Möge unser Herr es uns allen mehr und mehr schenken.

Zurück

Einen Kommentar schreiben