Dem Nächsten Zugewandt. Römer 12:13-18

von Edwin Boschmann

Dem Nächsten Zugewandt. Römer 12:13-18

Vorbilder sind für uns Menschen wichtig. Sie inspirieren uns. Vorbilder sind Personen, die uns tatsächlich Handlungsanregungen für den Alltag geben. Dabei brauchen wir eine Vielzahl von Vorbildern, da die verschiedenen Menschen uns in verschiedenen Bereichen inspirieren. Und wir sind automatisch Vorbilder für andere Menschen. Ich fand es z.B. toll wie Cacao letzten Sonntag erklärte, dass er sehr bewusst seine Rolle als Vorbild für die Straßenkids in Brasilien einnimmt. Viele dieser Kids wollen Profifußballer werden, und doch gibt Cacao ihnen eine Perspektive für „normale“ Berufe, vermittelt und hilft. Das ist super, da die allerwenigsten je Profifußballer sein werden.

Um selber Vorbild werden zu können, brauchen wir gute Maßstäbe, die dafür im Einzelnen gebraucht werden. Die gibt uns in einigen Bereichen Paulus in Römer 12:13-18: „Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. 14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. 15 Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug. 17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“

 

  1. Gastfreundschaft üben

Gastfreundschaft ist in unserem Text direkt gekoppelt mit den Nöten der Heiligen. Die Heiligen das sind wir! Es geht nicht um Priester, Propheten, Pastoren oder sonst hoch heilige Menschen. Jeder von uns wird von Paulus als Heiliger bezeichnet. Das ist sagenhaft. Somit sollen wir unsere gegenseitigen Nöte wahrnehmen. Eine Art gegenseitiger Not zu begegnen ist Gastfreundschaft.

Gastfreundschaft üben könnte man als typisch mennonitisch bezeichnen. Es gibt viele Mennoniten die gerne Leute bewirten und beherbergen, wenn es denn möglich ist. Immer wieder kommen Leute zu uns als Gemeinde, die einen Übernachtungsplatz brauchen. Da weiß ich schon genau wen ich anfragen kann und wer gern Leute bei sich aufnimmt. Das ist einfach super. In meiner Jugendzeit ging es sogar so weit, dass junge Paare von den Pastoren vor der Hochzeit gefragt wurden ob sie bereit sein würden Gäste bei sich aufzunehmen. Wenn das nicht der Fall wäre, sollten sie nicht heiraten. Inzwischen denke ich da etwas differenzierter. Man brauch nicht verheiratet sein um gut Gastfreundschaft üben zu können. Und nicht allen ist es so leicht möglich Gastfreundschaft regelmäßig auszuüben.

Als wir noch in der Blumentorstraße gewohnt haben, hatten wir nicht so viel Platz. Da haben wir als Paar eine Übereinkunft getroffen: Wenn wir Besuch bekommen, wir aber nicht genug Platz für deren Übernachtung haben, bezahlen wir selbstverständlich deren Unterkunft in der Tagungsstätte. So haben wir es dann auch gehandhabt.

Aber Gastfreundschaft geht nicht nur um Übernachtungen. Es geht um ein offenes Haus. Es geht darum, andere Menschen bei uns sein zu lassen. Auch im kleinen Rahmen. Mal z.B. nach dem Gottesdienst eine Einladung zum Kaffee. Oder am Abend zum Gespräch. Da gibt es viele Möglichkeiten Gastfreundschaft ausdrücken zu können. Wie gesagt, einige in unserer Gemeinde sind in diesem Bereich hervorragende Vorbilder.

Es gibt allerdings bei Gastfreundschaft auch die andere Seite. Wie leicht fällt es uns bei anderen zu Gast zu sein? Wie leicht lassen wir uns einladen? Das will auch geübt und gelernt sein. Manch andere Menschen freuen sich sehr, wenn sie Besuch bekommen.

 

 

  1. Segnen

Vergeltet nicht Böses mit Bösem wurde letzte Predigt von Claudius angesprochen. Darauf will ich heute nicht eingehen. Es geht heute um das genaue Gegenteil. Segnen. Beim Segnen wünsche ich der anderen Person alles Gute, Schutz, Bewahrung und Gedeihen. Wir erkennen allerdings auch unsere Einschränkung. Wir können zwar Segen aussprechen und diese Worte bewirken tatsächlich Gutes im Gegenüber, aber wir haben nur sehr eingeschränkt die Macht Gutes im Leben anderer zu bewirken. Das kann nur Gott. Somit sind wir Segensträger, in der Erkenntnis, dass wir selber von Gott gesegnete Menschen sind und er selber uns zum Segen für andere setzen möchte.

Segnen ist immer gut. Das tun wir viel zu wenig. Es ist unser christlicher Auftrag und verändert Menschen. Am markantesten ist es, wie wir als Eltern immer wieder unsere Kinder segnen und sie unter den Schutz Gottes stellen. Nacht für Nacht vor dem Schlafengehen. Aber wir alle können in unserer Umgebung unsere Mitmenschen segnen. Mal vielleicht laut, so dass sie es mitbekommen, mal vielleicht in einem leisen Gebet. Auf alle Fälle wird unsere persönliche Haltung durch solch eine Segenshaltung dem anderen gegenüber verändert. Ich erwarte sogar von Gott dass er bei mir und bei den anderen positive Veränderungen bewirkt.

Die Aufforderung in unserem Text ist allerdings ungleich schwieriger. Wie können wir Menschen segnen, die uns nerven? Solche Menschen kennt jeder und jeder hat seinen Anteil davon in seiner Umgebung. Wenn jemand was macht, was mir missfällt, dann gehe ich auf Abstand. Das ist die normale Reaktion. Wie können wir als Christen aber anders reagieren? Ja, wo fällt es uns schwer zu segnen?

Vor einiger Zeit sprach ich mit jemand jüngeren über Gemeindearbeit. Meine Aufforderung an diese Person war einfach. Es wird Menschen in der Gemeinde geben mit denen wir schwer auskommen, die uns reizen. Besuche sie öfter als die anderen. Versuche sie zu verstehen. Segne sie. So ein Handeln bewirkt Wunder, da wir darin Gott Raum geben uns selber und den Nächsten zu verändern. Und wenn nicht, werden wir doch in Demut geschult. Wie geht es bei dir und bei den Personen, die dir ein Dorn im Auge sind? Wie handelst du da?

 

  1. Empathie

„Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.“  Das ist Empathie. Wikipedia bezeichnet Empathie als „die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Zur Empathie wird gemeinhin auch die Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen gezählt, zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl.“

Gerade im Bereich gut gemeinter Empathie erlebe ich immer wieder fatale Fehler. Da wird z.B. gern leichthin der Familie gesagt, wenn ein lieber Mensch gestorben ist: „Ich weiß wie du dich fühlst.“ Das wissen wir nie! Jeder Mensch fühlt, denkt und empfindet anders. Das müssen wir einfach so stehen lassen. Wenn jemand leidet, kann ich aber trotzdem meine Anteilnahme ausdrücken. Oder einfach mit der anderen Person mit schweigen und einfach da sein.

Vor vielen Jahren haben mein Onkel und meine Tante ein Baby verloren. Das Baby hat nicht lange gelebt. Meine Tante hat meinem Onkel damals vorgeworfen, dass dieser erbliche Defekt von seiner Seite kam. Es war eine bittere Zeit vieler Vorwürfe. Auch wenn der Schmerz des Verlustes verständlich ist, waren die Vorwürfe nicht hilfreich. Empathie ist genau das Gegenteil davon. Wir lassen uns darauf ein mit den anderen mit zu empfinden. Dafür muss man gut zuhören lernen. Das hat mit Kommunikation zu tun. Schlechte Kommunikation ist leider oft die Ursache für viele zwischenmenschliche Missverständnisse.

Sich mit anderen Freuen, mit anderen Leiden. Das ist nicht einfach, da wir meisten mit uns selber beschäftigt sind. Bei Empathie wird bewusst der Blick von uns weg auf die andere Person hin gefordert. Wie soll das aber gehen, wenn wir selber so viel um die Ohren haben! Oftmals ist es ja einfach nur unsere Zeit, was andere am dringendsten brauchen.

Wo fällt es euch schwer, sich mit anderen zu freuen oder mit anderen zu leiden? Wie könnt ihr bewusst mehr Zeit dafür einräumen, gerade in diesen Situationen bei anderen Menschen präsent zu sein? Wie könnt ihr für euch üben, mehr mit den Freuenden und mehr mit den Leidenden Anteil zu nehmen?

 

  1. Eines Sinnes sein

Es gibt den Kontrast zwischen gleicher Meinung sein und eines Sinnes sein. Z.B. hatten wir in der letzten Leitungskreissitzung eine starke und sehr kontroverse Diskussion. Es gab sehr unterschiedliche Meinungen. Jeder hat seine Meinung vehement vertreten. Das ist legitim und fair. Ja, es ist sogar sehr produktiv, da dadurch oftmals bessere Lösungen gefunden werden können.

Allerdings muss man bei solchen Diskussionen mehrere Spielregeln beachten. Bestimmte Grenzen dürfen nicht überschritten werden. Z.B. kann man um Sachverhalte vehement debattieren. Aber man darf dabei nicht die anderen persönlich angreifen. Das führt automatisch zu Verletzungen und ist kontraproduktiv. Auch muss man schauen, dass man seine Emotionen im Griff behält. Aber Emotionen und Hingabe braucht man, damit gescheite Lösungen erarbeitet werden können. So sind wir aus der Leitungskreissitzung gegangen und waren eines Sinnes. Wir wollen das Beste für die Gemeinde. Jeder von uns im Leitungskreis will das. Diese Grundeinstellung gestehen wir uns gegenseitig zu. Wie das im Einzelfall geschehen kann, wird unterschiedlich beurteilt. Das treibt uns aber nicht auseinander, sondern schweißt uns eher noch weiter zusammen.

Das heißt: Unterschiedliche Meinungen und Emotionen werden nicht unter dem Teppich gekehrt. Sie werden benannt, im sicheren Rahmen, ohne persönliche Angriffe. Die zentrale Frage ist, wie wir miteinander umgehen. So können wir guten Gewissens auseinander gehen und wissen, dass wir ein Team sind und das gleiche Ziel verfolgen.

Das Ziel steht außer Frage. Es ist Jesus Christus. Er ist der einzige Grund, warum wir als Gemeinde existieren. Er ist unser Zentrum. Er gibt unserer Gemeinde seine Daseinsberechtigung, seinen Sinn. Und es ist Jesus, der uns ein gemeinsames Ziel gibt, dem wir nacheifern wollen. Durch ihn können wir untereinander eines Sinnes sein, auch wenn wir sehr unterschiedliche Meinungen zu verschiedenen Themen haben.

 

  1. Frieden

Als letztes erwähnt Paulus Frieden. Paulus ist realistisch. Nicht mit allen Menschen werden wir Frieden haben. Aber was wir können, das sollen wir tun, um mit allen Menschen in Frieden zu leben. Alle Menschen beinhaltet alle Menschen. Meine Nachbarn, meine Kollegen, meine Verwandtschaft. Der Fahrer anderer Autos im Straßenverkehr. Die Verkäuferin an der Ladentheke.

Trotzdem wird es Menschen geben die uns angreifen werden. Ich will ein Beispiel erzählen. Als ich ein junger Mann war, habe ich Autos gekauft, repariert und wieder verkauft. Das habe ich nicht viel getan, aber doch immer wieder. Unter anderem habe ich mal einen VW Polo gekauft, repariert und an eine junge Frau verkauft. Kurz darauf baute diese Frau mit dem Wagen einen Unfall auf der Autobahn. Sie hat mich dann vor Gericht angeklagt, sie habe den Unfall nur deswegen verursacht, weil der Wagen nicht fachmännisch repariert worden war. Der ganze Prozess ging über 2 Jahre und war sehr nervig. Am Ende wurde festgestellt, dass der Unfall nicht durch Mängel am Auto verursacht wurde. Die Frau musste sämtliche Kosten tragen.  

Es wird Leute geben, die gegen uns sein werden. Es wird Leute geben, die nicht bereit sind Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, und dies dann auf andere Leute abschieben. Das ist unser Alltag, auch wenn es nicht gut und schön ist.

Habt Frieden mit jedermann– das ist unser Auftrag. Nicht immer gelingt uns das. Gerade dann, wenn es kostet, schwer und schmerzhaft ist, bleibt es trotzdem unser Auftrag. Paulus war nicht weltfremd. Er wusste, dass das nicht immer möglich ist. Er wurde oft genug gesteinigt und ins Gefängnis gesteckt. Er hatte bereits genug eigene Erfahrungen in diesem Bereich. Trotzdem war es sein Ziel. Trotzdem soll und muss es unser Ziel bleiben.

 

Nun erwähne ich noch die Herausforderungen, die für diese Predigtreihe im Heft aufgeschrieben sind.

Hast du in deinem Alltag Zeit, für andere da zu sein? Nimm dir diese Woche ganz bewusst Zeit dafür. Du kannst unten ankreuzen und aufschreiben, was du in Bezug auf die Forderungen in Römer 12:13-18 erlebt hast:

  • Anteil nehmen an der Not anderer.
  • Gastfreundschaft zeigen
  • Jemanden segnen, der mich verletzt hat.
  • Sich mit jemanden freuen
  • Mit jemanden weinen
  • Demut zeigen
  • Frieden schließen.

 

Ich ermutige euch das Heft in die Hand zu nehmen. Nehmt bewusst eine dieser Herausforderungen für die kommende Woche an. Und dann schreibt eure Erfahrung damit auf.

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