Das Wesen der Gemeinde. Lukas 6:17-19

von Edwin Boschmann

Das Wesen der Gemeinde. Lukas 6:17-19

Wie stelle ich mir die perfekte Gemeinde vor? Sie besteht aus einer gesunden Mischung gesunder Menschen aus den besten Teilen unserer Gesellschaft. Babys, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Natürlich sollte es eine homogene Gruppe sein, da alles andere Probleme mit sich bringt. Natürlich haben Kranke, alte und gebrechliche Leute da nicht Platz. Es ist ein Platz für die Besten unserer Gesellschaft. Flüchtlinge und Fremde? Nein danke!

Ich hoffe sehr, dass keiner in unserer Mitte so oder ähnlich denkt. Jesus Christus ist der dem wir nacheifern, und er zeigte uns einen so ganz anderen Weg. In Lukas 6:17-19 schreibt der Arzt Lukas: „Und er [Jesus] ging mit ihnen hinab und trat auf ein ebenes Feld. Und um ihn war eine große Schar seiner Jünger und eine große Menge des Volkes aus ganz Judäa und Jerusalem und aus dem Küstenland von Tyrus und Sidon, die gekommen waren, ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden; und die von unreinen Geistern umgetrieben waren, wurden gesund. Und alles Volk suchte ihn anzurühren; denn es ging Kraft von ihm aus und er heilte sie alle. Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen.“

 

  1. Zu Gott kommen

Eine ganz bunte Mischung aus Menschen kommt zu Jesus. Angesehene Juden aus Judäa und Jerusalem genauso wie Ausländer aus Tyrus und Sidon. Diese Menschen kommen zu Jesus, um das zu hören, was Jesus zu sagen hat. Was Jesus sagt ist Balsam auf ihren geschundenen Seelen. Außerdem kommen viele, um sich heilen zu lassen. Krankenhäuser gab es damals nicht so wie heute, und Jesus machte sowieso einen besseren Job als das beste Krankenhaus anbieten kann. Warum nicht gleich zum Besten gehen? Im Text steht: „Es ging Kraft von ihm aus und er heilte sie alle.“

Deine und meine erste Aufgabe besteht darin, zu Gott zu kommen. Wer immer du auch bist, wie immer es dir auch geht. Krank und angeschlagen, oder auch ganz gesund. Als Fremder im fremden Land und in einer fremden Stadt oder auch als Alteingesessener. Wir alle sind eingeladen zu Gott zu kommen. Ohne jegliche Ausnahme. Jesus schickt uns nicht fort. Er hat uns nicht Leid, nur weil wir die letzten in einer großen Gruppe sind, die zu ihm kommen.

Als Gemeinde, auch hier auf dem Thomashof, sind wir gefragt Jesu Dinge zu wirken. Wenn Jesus alle zu sich zieht, egal woher, dann ist das ebenfalls unsere Aufgabe. Gemeinde hat nichts mit Homogenität zu tun und schon gar nicht mit einer Gruppe psychisch und körperlich kerngesunder superintelligenter Menschen. Solche Leute kamen auch zu Jesus, und Jesus kümmerte sich auch um sie. Aber die Kranken und Angeschlagenen waren eindeutig sein Herzensanliegen.

Wenn wir in die Gegenwart Gottes kommen, dann haben wir auch die Aufforderung als Menschen zueinander zu kommen. Besonders als Christen in den Gemeinden. Das ist nicht ein ganz leichter Schritt. Besonders wenn wir Probleme miteinander haben, ist es doch geschickter und einfacher die Gottesbeziehung privat auszumachen. Aber Gott will uns zueinander bringen. Nicht umsonst heißt es in einem Lied: „Ein jeder trage, die Last des andern, so wie es Jesus geboten hat.“ In dieser Begegnung zueinander machen wir uns verletzlich. Wir erleben Enttäuschungen und werden tatsächlich verletzt. Das ist leider Teil der menschlichen Begegnung. Aber nur in dieser Ehrlichkeit miteinander, und im Vertrauen zueinander, wachsen wir auch weiter in unserem Glauben. Und nur in dieser Verletzlichkeit können wir einander tragen. Ich will ein ganz banales Beispiel geben. Den meisten von uns fällt es an Gemeinschaftssonntagen schwer hier zu bleiben, wenn wir nicht selber ebenfalls für etwas Essen gesorgt haben. Es ist ja normal, dass jeder seinen Teil beisteuert. Aber wenn es mal nicht so ist, können wir dann nicht darauf vertrauen, dass die Allgemeinheit uns an diesem Tag trägt? Ich denke, das tun wir alle gerne, und wenn wir uns mit dem Essen sogar etwas einschränken müssten, was bislang nicht so der Fall war. Trotzdem fällt es uns schwer uns mal auf die Anderen zu verlassen. Und wenn es uns schon beim Essen so schwer fällt, wieviel mehr in anderen Bereichen unseres Lebens?

Zurück zu Jesus: Jesus heilte alle, die zu ihm kamen. Wir als Gemeinde sind nicht Jesus. Umso mehr ist es unsere Aufgabe als Gemeinde, Menschen in die Gegenwart Jesu zu bringen, in der sie Heilung, Vergebung und Wiederherstellung bekommen können. Es ist unsere Aufgabe als Gemeinde diese bunte Mischung an Menschen, wo immer sie auch herkommen und welchen Hintergrund sie auch immer haben mögen, in unserer Mitte willkommen zu heißen. Wir als Gemeinde wollen die Dinge tun, die Jesus am Herzen lagen. Wir wollen einander tragen und ehrlich miteinander umgehen. Auch wenn es schwer fällt. Das sind die Zeiten, in denen wir normalerweise die Unterstützung der Anderen am dringendsten brauchen.

 

2. Zeitlich begrenzte Leiden

Interessant wird es da, wo Jesus mit seiner Rede anfängt. Hier in Lukas finden wir die kürzere Version der Seligpreisungen. Jesus sagt hier: „Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen.“

Eine Sache fällt mir als erstes stark auf. Auch wenn Jesus in dem Augenblick alle Kranken, die zu ihm gebracht werden heilt, wird weiteres Leid über diese Menschen kommen. Jesus löst damit nicht alle vorhandenen Probleme. Vielmehr ist Leid, Armut, Hunger, Tränen und Hass eine bleibende Erfahrung für die große Mehrheit der Menschen, damals wie auch heute. Es war die Erfahrung Jesu in seinem eigenen Leben. Es ist die Erfahrung von dir und mir, und von denen, die uns nahe stehen. Es gibt Leid und Tränen, unsägliches Leid und viele Tränen auf dieser Erde. Als Gemeinde müssen wir das gerade zurzeit erleben. Dieses Leiden schockiert uns alle. Es löst ein Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit in uns aus. Es schmerzt, Freunde, Bekannte Leiden zu sehen.

Die Tage schrieb mir meine Nichte, dass ihr Mann sich von ihr getrennt hat. Sie stehen im Prozess einer Scheidung. Er ist zwar Christ, aber so ein trauriges und armseliges Leben in Kuba zu fristen, das konnte er sich nicht vorstellen. Seine Träume lägen in den USA, wo Wohlstand und Wohlergehen auf ihn warten. Der Traum meiner Nichte ist es nach wie vor, als Ärztin den Ärmsten und Schwächsten zu dienen. Nicht gerade ein Weg von Geld, Ruhm und Ehre. Vielmehr ist es bei ihr oftmals ein selbst ausgesuchter Weg von Leid und Entbehrung.

Selig seid ihr Armen, selig seid ihr, die ihr jetzt hungert, selig seid ihr, die ihr jetzt weint. Wie kann es sein, dass man im Leiden selig ist? Das ist keine leichte Frage. Jesus verweist auf unsere gesamte Existenz als Mensch. Diese Erfahrungen von Leid und Elend sind nicht bleibende Erfahrungen. Es sind vielmehr zeitlich begrenzte, schlimme und traurige Erfahrungen. Aber sie sind zeitlich begrenzt. Diese bösen Erfahrungen werden ein Ende haben. Paulus drückt es in Römer 8:18 folgendermaßen aus: „Ich bin überzeugt: Was wir in der gegenwärtigen Zeit noch leiden müssen, fällt überhaupt nicht ins Gewicht im Vergleich mit der Herrlichkeit, die Gott uns zugedacht hat und die er in der Zukunft offenbar machen wird.“ Ist das nur Augenwischerei und ein Vertrösten auf die Ewigkeit? Nein und Ja. Es ist keine Augenwischerei, aber doch ein Trost auf das was kommen wird. Jesus kam und kommt als wahrer Gott zu uns Menschen und teilt unsere irdische Erfahrung von Leid, Hunger und Elend. Jesus lässt uns in unserem Leid nicht allein. Aber das ist eben nur ein Teil der gesamten Realität. Der andere Bereich unserer menschlichen Realität als Christen wird es sein, dass wir mit Christus seine Herrlichkeit teilen werden. In Jesu Gegenwart, nach unserem irdischen Tod, hat Leiden ein Ende. Selig sind wir, wenn wir das glauben und uns diese Hoffnung das Leben trotzdem lebenswert macht. Wer außer uns Christen kann solch eine frohmachende Hoffnung verbreiten, gerade wenn das Leben das Härteste von uns abverlangt?

 

3. Wir sind gemeint

Bevor Jesus mit den Seligpreisungen beginnt, hebt er seine Augen auf und spricht mit den Seligpreisungen ganz bewusst seine Jünger an. Er spricht uns heute noch mit diesen Versen an, die immer für uns eine Herausforderung bleiben werden. Du und ich sind gemeint. Wir sind gesegnete Gottes, insbesondere wenn es uns nicht gut geht. Selig bist du, mitten in deiner Armut, mitten in deinem Hunger, mitten in deinen Tränen.

Ich möchte einen Schritt weiter gehen. Selig bist du, wenn du nicht mit all deinen Tränen und Leid alleine gelassen bist, sondern eine Gemeinschaft der Gläubigen hast, die dich mit trägt und die mit dir leidet. Uns allen verbindet diese Hoffnung und Gewissheit auf eine komplette Wiederherstellung unseres Universums, wie wir sie noch einfach nicht sehen und erleben.

Selig sind wir aber auch, weil wir diese Hoffnung mit anderen teilen können. Nichts braucht unsere Welt, unsere Umgebung dringender als Hoffnung. Nichts brauchen deine Nachbarn dringender als eine Hoffnung, die das jetzige Leiden überwindet. Ansonsten landet man von einem Leid im nächsten Leid und hat trotzdem keine weitere Perspektive. Wenn es dann zu schlimm kommt, ist das Leben nicht mehr lebenswert, so das Fazit vieler heutiger Menschen. Jesu Zusage: Selig bist du, auch mitten in Trauer, Krankheit und Elend, hört sich da ganz anders an.

Am Anfang habe ich die provokativen Aussagen einer reinen, perfekten Gemeinde, ohne jegliche Kranken, Alten und Schwachen geschildert. Jesu Aussagen sind genau das Gegenteil. Jesus ist mitten ins Leid hinein gekommen. Er lindert und heilt. Und er trägt mit und erduldet, was nicht geheilt werden kann. Das sind wir als Gemeinde. Weder homogen, noch nur gesund. Wir haben unseren Teil an Alte und Schwache in unserer Mitte. Wir leiden zurzeit mit denen die gesundheitlich leiden. Zusammen tragen wir diese Leiden vor Gott. Aber gemeinsam tragen wir auch eine Hoffnung in uns, dass Jesus all diese Leiden zu seiner Zeit wegnehmen wird. Wir beten und ringen um Heilung, wo das gefragt ist. Und wir wissen, dass Jesus unser großer Heiler ist. Er kann das, was wir nicht mal zu erahnen hoffen. Und wenn Heilung und Linderung nicht so eintritt wie wir es uns erhoffen, und in vielen Stellen dieser Erde ist das überdeutlich sichtbar, dann wissen wir, dass Jesus trotzdem bei uns ist und uns nicht im Leid alleine lässt. Vielmehr führt er uns gewiss ans Ziel in seine Gegenwart.

Zurück

Einen Kommentar schreiben