Das stille Unglück

von Edwin Boschmann

Das stille Unglück

Als wir in Mosambik gelebt haben, haben wir vielfach eine Gesellschaft angetroffen, die sich sehr gut mit dem Alten Testament identifizieren konnte. Ein herzzerreißendes Thema war Kinderlosigkeit. Frauen, die keine Kinder kriegen konnten, wurden relativ schnell wieder zu ihren Ursprungsfamilien geschickt. Oftmals auch innerhalb der Gemeinden. Eine Frau die keine Kinder kriegen konnte, wollte keiner. Kein Mann zu haben war okay, solange man zumindest Kinder hatte. Wir dürfen nicht vergessen: Kinderlosigkeit stellte in vielen Kulturen noch bis zur Jahrhundertwende einen Trennungs- bzw. Scheidungsgrund dar, indem z.B. der Ehemann die Möglichkeit der Verstoßung seiner Frau hatte. Auch wenn diese Zeiten bei uns vorbei sind, bleibt vielen kinderlosen Paaren, aber vor allen den betroffenen Frauen, großes seelisches Leid nicht erspart.

 

  1. Das Alte Testament

Gott hatte dem Volk Israel, wenn sie seinem Weg folgen würden, viel Segen verheißen. Eines davon war Kindersegen. In 5 Mose 7:14 steht: „Gesegnet wirst du sein vor allen Völkern. Es wird niemand unter dir unfruchtbar sein, auch nicht eins deiner Tiere.“ Das war im Alten Testament so wichtig, da viele Verheißungen auf die 12 Stämme Israels ruhten, und somit die jeweilige Familienlinie fortgeführt werden musste. Das war zum einen Segen, aber zum anderen auch ein ungeheurer Druck, wenn es nicht so klappte wie erhofft. Kinderlosigkeit war das größte Unglück, was einer jüdischen Familie geschehen konnte. Umso lustiger und erstaunlicher ist es, dass gerade Sara, Rebekka und Rahel, die drei wichtigen und schillernden Mütter der hebräischen Nation, unfruchtbar waren und nur durch Gottes Einschreiten Kinder bekamen. So ähnlich ist es auch bei Hanna und Elkana. Erst durch die Zusage Gottes wird diesem Paar der Prophet Samuel geschenkt, der dann aber von Anfang an Gott geweiht wird.

            Bei uns können wir schwer den Schmerz ermessen, den Frauen damals ohne Kinderwunscherfüllung erlebt haben. Diese Dimension der familiären und gesellschaftlichen Ächtung haben wir bei uns nicht. Trotzdem verursachen Kinderlosigkeit, aber auch die Erfahrung von Todgeburten oder von Kindern die sterben mit die größten seelische Schmerzen, die wir erleben können. Viele Ehen zerbrechen an solche Erfahrungen.

Und doch kommt es bereits im Alten Testament zu einem Verständniswechsel. Bei den kleinen Propheten. Der Segen wird nicht mehr ganz Israel zugesprochen. Die Verheißung wird immer stärker einem treuen Rest verheißen, welches den Worten Gottes folgt. Das Verständnis einer nationalen Errettung und nationalen Segens von Gott wird auf die gläubigen Nachfolger Gottes spezifiziert. Das hat auch Auswirkungen auf das gesamte Verständnis von Ehe und Familie.

 

2. Das Neue Testament

Interessanterweise schweigt sich das Neue Testament ziemlich über das Thema Kinderlosigkeit aus. Wir finden zwar die Geschichte von Zacharias und Elisabeth, wo durch Gottes Eingreifen Elisabeth schwanger wird und Johannes der Täufer geboren wird. Aber das Thema Kindersegen wird eher gar nicht erwähnt. Es gibt allerdings zwei Andeutungen, die richtungsweisend sein können.

  • Paulus plädiert nicht zu heiraten, wenn das für jemand eine Option ist. Damit wird zugleich Kinderlosigkeit akzeptiert. Die Zeiten von Ehe ohne Trauschein, Embryotransfer und In-vitro-Fertilisation kamen erst viel, viel später.
  • Es wird von Jesus eine Zeit des Leidens vorhergesehen, in der die Frauen besser dran sind, die keine Kinder haben (Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! Lukas 23:28-29).

 

Ich denke, das Neue Testament lässt das Thema Kinder/Kinderlosigkeit bewusst offen. In der Nachfolge Jesu Christi haben wir die große Freiheit zu entscheiden, ob wir heiraten wollen oder nicht. Wir haben die große Freiheit zu entscheiden, ob wir als Paar Kinder haben wollen oder nicht. Ein befreundetes Ehepaar von uns aus Irland hat z.B. ganz bewusst keine Kinder bekommen. Die Begegnungen von ihm mit Kindern waren zumindest abenteuerlich, wenn nicht gar haarsträubend. Und so können sie ihr Leben europaweit der Studentenmission widmen, was sonst nicht in dieser Form und Intensität möglich wäre.

 

3. Ungewollte Kinderlosigkeit

Doch nun zurück zum Thema der ungewollten Kinderlosigkeit. Natürlich gibt es die Möglichkeit der Adoption, aber dieser Weg ist schwer, teuer und mit vielen Tücken versehen. Somit bleibt vielen Paaren auch heute der Schmerz nicht erspart. Je länger der Kinderwunsch nicht erfüllt wird, desto mehr setzen Paare sich unter Druck. Aus Scham über das vermeintliche Versagen und um unbequeme Fragen zu vermeiden, ziehen Paare sich manchmal aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Nicht selten führt dies zu Beziehungskrisen. Die typische Phasen eines Paares in dieser Situation sind: Verneinung, Ärger und Wut, Schuld und Scham, Isolierung, Trauer und am Ende steht die Akzeptanz, dass man keine eigenen Kinder haben wird. Das ist ein sehr langer, harter und steiniger Weg, der allerdings immer wieder seine Pfade ändert.

Ich habe Paare erlebt, bei denen das gesamte Lebensglück sich an der Frage nach dem Kinderwunsch festgemacht hat. Herzzerreißende Biographien ohne happy end. Furchtbare Hormontherapien mit Persönlichkeitsveränderungen und allen drum und dran. Schon alleine als Beobachter, Berater und Begleiter hat es mir schier den Verstand geraubt.

 

Ich denke, die Bibel zeigt uns einen gedanklichen Ausweg aus diesem Dilemma. Der Schmerz wird bleiben. Wie bei allen Menschen. Die Erkenntnis wird bleiben, dass bei uns als Menschen niemals alle Wünsche in Erfüllung gehen werden. Es gehört zum menschlichen Leben dazu, mit unbefriedigten Bedürfnissen leben zu müssen. Mal mehr mal weniger. Mal ohne Ehepartner, mal ohne Kinder. Mal mit Ehepartner und ohne Glück, aber mit Kindern, mal mit anderen körperlichen Gebrechen. Wir leben in einer gefallenen Welt.

 

In Matthäus 22:24-30 wird Jesus in eine Diskussion mit den Sadduzäern hinein genommen. Da steht: „Meister, Mose hat gesagt (5. Mose 25,5): »Wenn einer stirbt und hat keine Kinder, so soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen erwecken.« Nun waren bei uns sieben Brüder. Der erste heiratete und starb; und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder; desgleichen der zweite und der dritte bis zum siebenten. Zuletzt nach allen starb die Frau. Nun in der Auferstehung: Wessen Frau wird sie sein von diesen sieben? Sie haben sie ja alle gehabt. Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes. Denn in der Auferstehung werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie Engel im Himmel.“

Die Sadduzäer wollten Jesus vom Gedanken der Auferstehung wegbringen. Für sie gab es keine Auferstehung. Doch Jesus sagt, und ich benutze meine Worte: Im Himmel gibt es keine Ehen. Es werden keine Kinder geboren. Es wird kein Leid über unerfüllte Wünsche geben. Vielmehr werden wir dort sein wie die Engel im Himmel. Auch wenn auf dieser Erde vieles nicht gut werden wird, erwartet uns eine bessere Zukunft.

 

Ich wünsche mir, dass Menschen in unserer Mitte, mit ihren ganz unterschiedlichen Sorgen und Schmerzen, zueinander und zu Gott kommen können. Dass Paare, die sich nichts sehnlicher wünschen als Kinder zu bekommen, diese Sorgen mit uns und mit Gott teilen können. Das Leute, mit anderen Sorgen und Schmerzen, diese ebenfalls teilen können. Das wir ganz bewusst diese Sorgen im Gebet vor Gott bringen. Das bedeutet nicht, dass Gott uns alle Lasten und Sorgen und Ängste wegnehmen wird. Aber sie werden von Gott und von uns Menschen mit getragen. Wir sind nicht allein gelassen.

 

Natürlich sind das meist nicht Themen, die man mit allen von der Kanzel teilt. Das muss auch nicht sein. Aber teilt euren Schmerz mit Leuten eures Vertrauens. Als Leitungskreis, oder einzelne aus unserem Leitungskreis, beten wir gerne für euch. Es muss aber auch nicht jemand aus dem Leitungskreis sein. Wenn wir unsere Schmerzen miteinander teilen, ist das Therapie für unsere Seelen. Vielleicht hört Gott auf unsere Gebete und hat Gnade mit uns. Vielleicht müssen wir mit dem Schmerz leben, aber allein tragen müssen wir ihn sicherlich nicht. Gott leidet mit uns. Er will das Beste für uns. Und andere Menschen können sehr wohl helfen unsere Lasten zu tragen. Und wenn wir trotzdem im hier und jetzt nicht um Leid herumkommen, werden wir Heilung für unsere Wunden erleben. Das ist die Zusage unseres Herrn.

                                                                                                                      Herr, komme bald

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