Seligpreisungen Lukas 6:20-26

von Edwin Boschmann

Seligpreisungen Lukas 6:20-26

„Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. 21 Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. 22 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. 23 Freut euch an jenem Tage und springt vor Freude; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan. 24 Aber dagegen: Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. 25 Weh euch, die ihr jetzt satt seid! Denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen. 26 Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet! Denn das Gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan.“

 

Ab hier fängt im Lukasevangelium der erste Lehrdiskurs Jesu an. Die Bergpredigt ist natürlich den Meisten bekannt, und zwar der Text aus dem Matthäusevangelium. Aber da es ein Lehrdiskurs war, wurden die einzelnen Teile immer und immer wieder von den Jüngern benutzt. Und zwar in den verschiedenen Zusammenhängen. Im Lukasevangelium haben wir eine kürzere Fassung der Bergpredigt.

Jesus fängt seine Rede mit einer Reihe von Seligpreisungen und Warnungen an, die aufeinander abgestimmt sind. Es geht darum wie die neue Gemeinschaft des Reiches Gottes aufgestellt ist und sein wird. Jesus will die Leute aufschrecken. Er re- definiert, wie die Welt unter der Leitung Gottes funktioniert. Dabei nutzt Jesus die Rhetorik der Umkehr des Glücks (wie etwa beim reichen Mann und Lazarus, Jesus am Kreuz…).

 

I. Seligpreisungen

Mit diesem Text wird definiert, wie die Dinge in dieser Welt in Gottes Augen funktionieren. Allerdings steht diese Sichtweise gegen die herkömmliche jüdische Weisheit – auch gegen unsere Weisheit. Ist nicht etwa Reichtum ein Zeichen des Segens Gottes (5 Mose 28)? Immer und immer wieder wird dieses im Alten Testament hervorgehoben. Nur die Propheten haben gegen die Auswüchse dieses Denkens gewettert.

Jesus seine Vision ist eschatologisch, aber sie ist nicht nur der Zukunft überlassen. Das Ende hat mit Jesus angefangen. Diese Worte sind Hoffnung für Leute, die Jesu Dienste bereits kennen gelernt haben: Kranke, Frauen, Arme, Ausgestoßene, etc. Obwohl sie in ihrer Umgebung Verstoßene sind, werden sie von Jesus wieder hergestellt. Dieses neue Verständnis der Realität soll die Zuhörer wach rütteln, damit sie Gottes erlösendes Ziel verstehen. Das althergebrachte Verständnis erfordert einen Wechsel der Lebensanschauung, einen Paradigmenwechsel. Es hat, mit anderen Worten ausgedrückt, ausgedient.

Im Allgemeinen sprechen wir Menschen nur gut über die, die in unser System gut hinein passen. Über die, die einem am ähnlichsten sind. Über andere redet man negativ. Als Sohn Gottes beginnt Jesus dieses Denkmuster durcheinander zu bringen. Er re- definiert wie Gottes erlösendes Ziel geschehen wird. Jesus hatte dadurch schon Widerstand erfahren. Seinen Nachfolgern, uns, würde es nicht anders gehen. Es ist nicht, weil Gott uns verlassen hat, sondern vielmehr weil diese Menschen Gottes Wege verlassen haben, sich aber in frommer Montur kleiden.

Wohl gemerkt: Es geht in unserem Text nicht um eine Idealisierung von Armut á la Marxismus oder frühe katholische Kirche mit Klöster und Armutsgelübde, sondern um eine Charakterisierung der neuen Welt in der es keine Armut und keine Exzesse geben wird. Somit sind diejenigen selig zu preisen, die jetzt arm sind, hungern, weinen und Repressalien ausgesetzt sind.

 

II. Die Weherufe

Im Gegensatz werden diejenigen erstaunt sein, die ihre Hoffnung nur auf die Sicherheiten der jetzigen Weltordnung aufgebaut haben. Dazu gehören Reichtum, gutes Essen, Freude und gutes Ansehen.

Mit diesen Worten stiftet Jesus Unfrieden, wie er es bereits angekündigt hatte. Zur Wiederholung: für Lukas waren die Arm, die von der Gesellschaft an den Rand gedrückt waren, sei es nun finanziell oder anderweitig. Somit sind Armut und Reichtum Belange von Einfluss und Privileg, sozialer Stellung und Selbstsicherheit. Dieses sozial definierte Konstrukt stellt Jesus auf den Kopf. In anderen Worten: die Armen finden sich am Rande der sozialen Leiter, ohne viele Freundschaften und Beziehungen. Bei den Reichen ist es gerade anders herum. Aber im Reich Gottes gilt das nicht.

Somit kommt es zur totalen Umkehr. Die Reichen (die nicht mit Gott rechnen) haben ihren Trost bereits durch ihren Reichtum hier auf Erden empfangen. Mehr gibt es nicht. Diejenigen, die sich hier auf Erden den Bauch voll geschlagen haben, ohne Rücksicht auf die anderen zu nehmen, werden dann zurückstecken müssen, hungern müssen. Diejenigen, die hier gut lachen haben, weil es ihnen in allen Belangen gut geht, werden dann trauern und weinen. Diejenigen, die jetzt gut mit Leuten nach oben hin vernetzt sind, werden das Gegenteil erleben. Der Schock all dieser Veränderungen ist groß, sehr groß.

Wir alle wissen das, und die meisten kennen diese Situation: Sich langsam aber sicher finanziell und anderweitig nach oben zu mausern fällt nicht so wirklich schwer. Und man genießt das auch. Aber umgekehrt, von oben abzusteigen, dass ist ungleich viel schwerer. Sei es nun durch Arbeitslosigkeit, Krankheit oder sonstiges. Der Sprung ins kalte Wasser ist groß und unbehaglich.

 

Wir müssen uns die Situation von damals vor Augen führen. Jesu Jünger wurden auf verschiedenen Ebenen herausgefordert: Sie aßen mit Zöllnern und Sündern, weil ihr Meister das auch tat. Sie rupften am Sabbat Ähren. Und Jesus heilte am Sabbat Kranke. Darüber hinaus wurde die Autorität Jesu als Sohn Gottes von den Pharisäern bezweifelt.

Wir als Gottes Volk, in der Vergangenheit wie auch in der Zukunft, dürfen nichts anderes erwarten als Hass und Zurückweisung, wie es etwa Sünder, Kranke und andere sozial stigmatisierte täglich erfahren. Alles andere ist eine Ausnahme und darf uns nicht über die wahre Realität hinweg täuschen.

Mit diesen Kontrapunkten, Seligpreisungen der Leidenden versus Weherufe gegen die Reichen und Einflussreichen, hinterfragt Jesus falsche soziale Normen. Solche Normen sind sehr tief gegründet und werden von uns Menschen gerne mit Gottes Willen gleich gesetzt. Jesus verwirft die Annahmen solch einer Weltanschauung.

Wo haben wir unsere blinden Winkel und falsche Normen? Wie gehen wir mit Menschen anderer Rassen und Herkünfte um? Wie gehen wir mit Menschen um, die familiär und anderweitig gescheitert sind? Wo haben wir etwas zu unserem christlichen Glauben erklärt, was aber eher eine falsche soziale Prägung ist? Das hat ganz praktisch mit unseren Freunden und Beziehungen zu tun, mit dem was wir wert schätzen oder verachten. Da, habe ich das vage Gefühl, müssen wir uns immer und immer wieder hinterfragen lassen. Auch heute. Auch auf dem Thomashof.

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