Philipper 3:12-21 Von Gott ergriffen sein

Dienstag, 8. August 2017 von Edwin Boschmann

Philipper 3:12-21 Von Gott ergriffen sein

Ich kann mich lebhaft an eine Situation meiner Kindheit erinnern. Als ich ungefähr 7 Jahre alt war, fuhren wir mit dem Auto in die Berge Costa Ricas. Eine wunderschöne Gegend. Meine Eltern hatten ein paar Tage frei genommen, und wir fuhren Vulkane und andere Sehenswürdigkeiten besichtigen. Die Straßen waren abenteuerlich. Es waren enge Schotterpisten. Auf der einen Seite ging es steil bergauf und auf der anderen Seite steil bergab. Die Straßen waren so, wie wir sie sehr gut von Ecuador her kannten. Auf einmal platzte der Reifen vorne rechts. Mein Vater konnte den Wagen nicht halten und fuhr in einen kleinen Hügel, der uns vor dem sicheren Absturz bewahrte. Dieser kleine Hügel war weit und breit nur an dieser einen Stelle. Er war auch nicht lang. Aber er genügte, damit wir nicht alle damals in den Tod gestürzt sind. Unser Leben ist vergänglich, manchmal schnell und unerwartet vergänglich. Es war für uns als Familie damals so, als ob Gott uns mit samt dem Wagen festgehalten hätte, ergriffen hätte damit wir überleben würden. Gott hat uns ergriffen. Damit komme ich zum Text aus Philipper 3:12-21, den ich jetzt lesen möchte: „Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. Wie viele nun von uns vollkommen sind, die lasst uns so gesinnt sein. Und solltet ihr in einem Stück anders denken, so wird euch Gott auch das offenbaren. Nur, was wir schon erreicht haben, darin lasst uns auch leben. Ahmt mit mir Christus nach, Brüder und Schwester, und seht auf die, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt. Denn viele wandeln so, dass ich euch oft von ihnen gesagt habe, nun aber sage ich's auch unter Tränen: Sie sind die Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist die Verdammnis, ihr Gott ist der Bauch und ihre Ehre ist in ihrer Schande; sie sind irdisch gesinnt. Wir aber sind Bürger im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern geringen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.“

 

  1. Ergriffen sein

In den ersten 3 Versen ist dieser Begriff „ergreifen, ergriffen sein“ 4-mal wiederholt. Es ist ein emotionaler Begriff. Wie die Situation damals in den Bergen Costa Ricas, die ich nach fast 50 Jahren immer noch nicht vergessen habe.

Bei Babys ist es ja erstaunlich, dass sie in den ersten 4 Monaten ihres Lebens einen sehr ausgeprägten Greifreflex haben. Sobald man sein Finger in den Finger eines Babys legt, wird es zugreifen und mit erstaunlicher Kraft festhalten. Das Baby kann gar nicht anders. Es ist ein Reflex, den es nicht abstellen kann.

Paulus benutzt diesen Begriff des Ergreifens um seine Beziehung zu Gott zu erklären. Er, als fehlerhafter Mensch, kann Gott nicht ergreifen. Immer wieder greift er daneben. Allerdings weiß Paulus sich von Gott ergriffen. Und das sieht dann schon anders aus. Gott lässt ihn nicht los. Jesus Christus hat ihn ergriffen, und Jesus lässt ihn nicht los. Er lässt ihn nicht fallen. Egal was kommen mag. Nichts und niemand kann uns aus seiner Hand reißen. Haben wir das in unserem Leben schon so erfahren? Sind wir schon einmal richtig von Christus ergriffen worden? Auch emotional ergriffen worden?

 

In diesem Zusammenhang erwähnt Paulus was ihm wichtig ist. Er vergisst was dahinten ist. Er streckt sich nach vorne aus, da wo sein Ziel liegt. Es ist sehr menschlich, immer wieder nach hinten zu schauen, versuchen zu analysieren, zu erklären, was gewesen ist. Wo vielleicht etwas schief gelaufen ist. Wo man versagt hat. Zum einen ist es wichtig, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Zum anderen muss man aber die Vergangenheit dann auch los lassen. Es ist überhaupt nicht hilfreich, immer wieder nach hinten zu schauen um zu beurteilen, was im eigenen Leben schief gegangen ist. Das sollte man loslassen.

Hingegen gilt es nach vorne zu schauen. Sich hin auf das Ziel ausstrecken. Unser Ziel als Christen, unsere himmlische Berufung, ist ein Leben in der Gegenwart Gottes. Dieses Ziel fängt jetzt schon an, wird aber erst tatsächlich im Himmel seine volle Erfüllung finden. Das wollen wir mit vollen Händen ergreifen, bis wir in aller Vollkommenheit bei ihm angekommen sind.

Manche Menschen trauen sich auch nicht den Blick in die Zukunft zu richten. Wir brauchen keine Angst zu haben Fehler  zu machen. Die machen wir alle. Martin Luther drückt dies so aus: „Sei ein Sünder und sündige kräftig, aber vertraue noch stärker und freue dich in Christus, welcher der Sieger ist über die Sünde, den Tod und die Welt!“ Das ist von Luther keine Aufforderung zu sündigen, sondern viel mehr voll und ganz im Leben zu stehen. Voll und ganz Entscheidungen zu treffen. Nicht alle werden richtig sein. Wir werden Fehler machen, wir werden, wie Luther sagt, sündigen. Aber stärker als unsere Verfehlungen ist Christus, der uns ergriffen hat, und dem wir nacheifern.

 

2. Christus als Vorbild

Unsere Ziele im Leben haben auch viel mit unseren Vorbildern zu tun. Wenn Christus unser Ziel und Vorbild ist, dann werden unsere Ziele langfristig und positiv sein. Dann werden uns folgende Fragen beschäftigen: Wie kann ich Jesus in unserer Zeit nachfolgen? Wie kann ich anderen Menschen eine Hilfe sein? Wie kann ich für andere da sein? Wie kann ich Gemeinschaft mit Gott erleben?

Natürlich gibt es auch viele Zwischenziele die wir als Menschen haben. Vor allem als junge Menschen. Da geht es um Fragen, wie man die Schule abschließt, welchen Beruf man wählt, welchen Partner man heiratet, wie viel man verdienen wird u.v.m. Oder als ältere Menschen dann die Frage, was man noch in der Rente und im Alter alles machen will. Was man noch sehen und besuchen will. Das sind alles gute Ziele. Aber es sind doch untergeordnete Ziele. Sie ordnen sich unseren langfristigen Zielen unter. Wenn man Christus, und ein Leben in seiner Gegenwart als übergeordnetes Ziel hat, dann werden sich kurzfristige Ziele manchmal relativieren und stark ändern. Wir werden immer wieder Kurskorrekturen anbringen, die uns näher zu unserem eigentlichen Ziel führen: unsere himmlische Berufung.

 

Mitten in diesem Text hinein gibt Paulus den Philippern eine Lebensweisheit. Er schreibt: „Solltet ihr in einem Stück anders denken, so wird euch Gott auch das offenbaren.“ Paulus hatte keine Differenzen mit den Philippern, von denen wir wüssten. Es gab auch keine Streitigkeiten in der Gemeinde in Philippi. Darum geht es bei der Aussage von Paulus nicht. Vielmehr ist es ein Ratschlag, eine Lebensweisheit, die Paulus auch an anderer Stelle vorbringt. Es ist die Feststellung, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich sind, unterschiedlich handeln und unterschiedlich denken. Das gehört zu der Diversität, die Gott sich für unsere Welt ausgedacht hat. Das bereichert unser Leben. Manche Menschen tun sich aber schwer damit, diese Vielfalt auszuhalten. Sobald jemand anders ist als ich, so der Gedanke, dann ist das nicht gut. Dann stört mich das. Dann ist es vielleicht sogar eine Bedrohung für mich. Zumindest ist es aber negativ. Bei der ganzen Flüchtlingsdebatte ist die Andersartigkeit von Menschen aus anderen Ländern ein Thema in unseren Medien. Aber wir brauchen gar nicht auf die Flüchtlinge schauen. Auch in unserer Mitte sind nicht alle gleich. Wie stark stören wir uns daran, dass andere nicht so sind wie wir? Wie stark stören wir uns daran, wenn andere in unserer Mitte andere Überzeugungen haben, teilweise auch andere biblische Überzeugungen, haben als ich? Ist das ein Problem für uns? Paulus Überzeugung ist einfach: „Solltet ihr in einem Stück anders denken, so wird euch Gott auch das offenbaren.“ In anderen Worten: Ist das Thema für Gott wichtig genug, wird er es uns zu seiner Zeit zeigen. Dann wird seine Gemeinde das schon irgendwann auch mitbekommen. Wenn das Ziel nur stimmt. Wenn die himmlische Berufung, unser Ziel, unser Leben bestimmen darf.

 

3. Schwächen erkennen

Es gibt allerdings nicht nur Gutes in unserem Leben. Das wissen wir alle. Wir sind beileibe nicht perfekt. Jeder kennt seine eigenen Schwächen. Zu einem gewissen Grad sind wir alle, auch wir als Christen, irdisch gesinnt.

Paulus warnt in unserem Text eindringlich vor negativen Einflüssen in unserem Leben. Schlechte Einflüsse gibt es genug. Diese gab es nicht nur zurzeit von Paulus. Es sind Menschen die das Gegenteil von Christi Eigenschaften verkörpern. Dabei geht es um die Erfüllung von kurzfristigen Zielen. Typisch für solche kurzfristigen Ziele sind: Alkoholrausch, Drogen, Affären oder dergleichen. Kurzfristig vergisst man seine Sorgen. Kurzfristig geht es einem vielleicht sogar gut. Und dann kommt die große Ernüchterung. Es geht einem schlecht. Vielleicht ist man sogar schon süchtig und gefangen, und kommt aus dieser Negativspirale gar nicht so gut raus. Es wird alles schlimmer, obwohl man damit angefangen hat, damit es einem besser geht.

 

Was sind schlechte Einflüsse, bei denen wir verlockt sind, ihnen nachzustreben? Paulus sagt: „Ihr Gott ist der Bauch“. Wo suchen wir kurzfristig Befriedigung, die aber unsere tatsächlichen Bedürfnisse nicht befriedigen kann? In Deutschland ist das wohl meist im materiellen Bereich. Davon hängt ganz stark ab, was ich als Lebensunterhalt arbeiten möchte und wo ich leben werde. Dann ist der Konsum. So viele wollen uns etwas verkaufen, was wir gar nicht brauchen. Es wird uns suggeriert, dass es uns dann besser geht, wir uns wohler fühlen, wir das unbedingt haben müssen, wir dann gesünder leben. Die Spirale dreht sich ins unendliche. Und was harmlos und gut gewesen ist kann doch sehr destruktiv und zerstörerisch enden. Fast 10% unserer Bevölkerung sind überschuldet. Was als Befriedigung der Bedürfnisse gedacht war, entpuppt sich als echter Killer.

 

Paulus schließt den Text positiv. Wir sind Bürger im Himmel. Solches Fehlverhalten und Fehleinschätzungen, ja sogar Versagen, wird es hier und da auch in unserer Mitte und in unserem eigenen Leben immer wieder geben. Aber das soll nicht unsere Blickrichtung vorgeben. Das soll nicht unser Leben bestimmen. Wir wollen uns immer wieder unserer himmlischen Berufung, unserem eigentlichen Ziel im Leben, hinstrecken. Das ist es, was tatsächliche und langfristige Befriedigung schenkt und Leben fördert. Das wollen wir. Wir sind Bürger im Himmel! Das hat jetzt schon angefangen und wird sich in der Ewigkeit, in der Gegenwart Gottes, vollenden. Christus hat uns ergriffen, er lässt uns nicht los. 

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