Gott zeigt uns, wo wir hingehören. Johannes 21,1-6

von Edwin Boschmann

Gott zeigt uns, wo wir hingehören. Johannes 21,1-6

Begegnung am See

„Nach diesen Ereignissen stellte sich Jesus seinen Nachfolgern noch einmal vor Augen. Und zwar zeigte er sich ihnen am See von Tiberias auf folgende Weise: Es waren dort zusammen Simon Petrus, Thomas, der mit dem Beinamen Zwilling, außerdem Nathanael, der aus Kana in Galiläa stammte, die beiden Zebedäussöhne und noch zwei andere von seinen Schülern. Auf einmal sagte Simon Petrus zu ihnen: „Ich gehe jetzt los zum Fischen!“ Die anderen sagten: „Wir kommen auch mit dir mit!“ Sie gingen aus dem Haus und stiegen in ein Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie überhaupt nichts.

Als dann schon der Morgen angebrochen war, stand Jesus selbst am Ufer. Aber die Schüler wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: “Kinder, habt ihr nichts Essbares?“ Sie antworteten ihm: „Nein!“. Da sagte er ihnen: „Werft das Netz dort auf der rechten Seite des Bootes aus. Dort werdet ihre etwas finden!“ Das taten sie und konnten das Netz wegen der Menge der Fische nicht mehr einziehen.“

 

Stelle dir vor, du bist im Urlaub. Die ersten beiden Wochen waren einfach wunderbar. Und nun ist es Montag in der letzten Urlaubswoche. Woran denkst du? Manche werden antworten: „Ich denke an all die schönen Dinge, die in dieser Woche noch auf mich warten.“ Und manche sagen: „Ich denke schon an die Abreise.“ Und wieder andere meinen: „Ich sehe mich schon wieder im Alltag untergehen, sehe meine Arbeit, die zu Hause wartet, denke schon daran, wie schnell all die schönen Erlebnisse im Alltag untergehen werden.“ So unterschiedlich sind wir Menschen nun mal.

Diese Woche ist die letzte Woche unserer „40 Tage“-Aktion. Bald schon ist das Buch ausgelesen. Dieser Gottesdienst ist der letzte in dieser Reihe. Und manche denken an all das, was sie neu entdeckt haben in den letzten fünf Wochen. Manche denken an den letzten Hauskreis zu diesem Thema und überlegen schon, was das nächste Thema sein könnte. Manche meinen jetzt schon zu wissen, dass diese „Welle der Stille“ schon bald in der Gemeinde verebbt sein wird. So sind wir Menschen nun einmal.

In unserem Predigttext treffen wir auf Menschen, die Erstaunliches, ja, bislang nie da Gewesenes erlebt haben. Sie waren dem auferstandenen Jesus begegnet. Sie wussten jetzt, dass Jesus wirklich der Messias, der Retter, der Menschensohn, der Herr selbst war. Sie waren auch nach seiner Auferstehung mit Jesus unterwegs, der vor ihren Augen weiterhin große Wunder tat. So lesen wir im vorherigen Kapitel – Kapitel 20,30: „Jesus bewirkte noch viele andere wunderbare Zeichen vor den Augen seiner Schüler.“ Ein einfacher Satz, der mit derselben Nüchternheit im ersten Vers unseres Predigttextes wiederholt wird: „Nach diesen Ereignissen ...“ Was sich wohl hinter diesen wenigen Wörtern verbirgt?

Die sieben Jünger, die hier in einer ganz normalen Nacht einer für sie als Fischer ganz normalen Tätigkeit nachgehen, hatten ganz unnormale, ganz außergewöhnliche Dinge gesehen und mit Jesus erlebt. Waren sie einfach an das Besondere so gewöhnt, dass sie nicht mehr staunen konnten? Waren sie innerlich ermüdet und erwarteten nichts mehr dergleichen, weil Jesus nicht mehr sichtbar unter ihnen war? Wir wissen es nicht. Es ist sicher eine Frage, die ich den Jüngern irgendwann einmal stellen möchte: „Was war in dieser Nacht eigentlich mit euch los?“

 

  1. Das Neue ist schon da.

Keiner kann vom „Gestern“ leben. Der Alltag hatte die Jünger wieder ganz im Griff. Eben noch die Auferstehung von den Toten gefeiert, jetzt wieder im Dunkeln auf dem See unterwegs. Eben noch Wunder miterlebt, jetzt wieder das triste Einerlei einer erfolglosen Arbeit – sie fischten und die Netze blieben leer. Eben noch ganz nah bei Jesus – jetzt wieder miteinander allein, eine kleine, von zwölf auf sieben geschrumpfte Gruppe von Männern, die in ihre alten Wege zurückgegangen waren. Männer, die ihren wahren Auftrag noch nicht erkannt hatten. Männer, die das Kapitel mit Jesus ein Stück weit als tolle Erfahrungen in der Vergangenheit abgespeichert hatten.

Ich glaube, dass wir alle das kennen. Wir haben Wunder erlebt in unserem Leben. Wir haben an mancher Stelle Gott bei der Arbeit zugesehen. Wir haben in den letzten Wochen eingeübt, Gottes Stimme zu hören und haben hoffentlich auch die Erfahrung gemacht: Gott redet. Zu mir. In mein Leben hinein. Und jetzt? Jetzt geht es bald schon zurück in das „normale“ Leben. „Man kann nicht immer auf einem geistlichen Hoch leben“, sagen wir. Wir stellen uns darauf ein, wieder kleine Brötchen zu backen. Nur nicht abheben! „Bleibe im Land und nähre dich redlich!“  

Es stimmt: Die Erfahrungen von gestern helfen uns morgen nur bedingt. Wir erinnern uns an das, was Gott gesagt hat, was er getan hat. Aber es geht auch schnell wieder verloren im Alltag. Wenn wir ihm nicht jeden Tag neu begegnen, ihn nicht immer wieder neu mitten in unserem Alltag entdecken, verlieren wir ihn aus den Augen, aus dem Herzen. Dann bleibt uns nur noch die Routine des Alltags. Und viel schlimmer: die Routine der Religiosität.

 

  1. Jesus ist schon da!

„Als dann schon der Morgen angebrochen war, stand Jesus selbst am Ufer. Aber die Schüler wussten nicht, dass es Jesus war.“

Wie kann das sein? Wenn wir in der Stadt unterwegs sind, erkennen wir Menschen aus unserer Familie oft schon an ihrem Gang, auch im Dunkeln. Wir könnten sie unter Tausenden erkennen. Wurden den Männern auf dem See die Augen „gehalten“, wie es bei den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus geschehen war? Sollten sie Jesus noch nicht erkennen? War es so, dass es für die Jünger so unwahrscheinlich war, Jesus genau an diesem Ort zu treffen, dass sie ihn gar nicht erkennen konnten? Hatten sie gar nicht mehr mit ihm gerechnet?

Doch Jesus war schon da. Genau da, wo sie wieder in ihrem Alltag angekommen waren: in Resignation und Routine. In Frust und Pech. Sie hatten alles getan, was sie tun konnten. Doch das Ergebnis lag nicht in ihrer Hand. Sie waren gute Fischer, kannten alle Tricks und dennoch waren ihre Netze leer.

 

3. Die Lösung ist schon da!

Jesus spricht die Männer als „Kinder“ an. „Kinder, habt ihr nichts Essbares?“ Aus diesem Ruf quer über den See klingt die Sorge, die Jesus um sie hat. Er sieht in ihnen nicht die erfahrenen Fischer. Er sieht in ihnen seine Kinder, für die er Verantwortung übernehmen will. Er möchte, dass es ihnen gut geht. Dass sie zu essen haben. Dass sie wissen, dass er für sie da ist! Und dass er ihre Not kennt. Jesus ruft ihnen zu, sie sollen das Netz auf der anderen Seite des Bootes auswerfen. Was soll das denn bitte schön helfen? Als ob auf der einen Seite des Bootes mehr Fische wären als auf der anderen? Und wieso sollte man jetzt, im Morgengrauen, mehr fangen können als in der Nacht? Jedes Kind weiß, dass man am Besten nachts fischen geht. Doch das Wort des noch Fremden hat Autorität. Vielleicht sogar wider besseres Wissen werfen sie die Netze noch einmal aus. Und sie werden überrascht: Die Netzte sind zum Bersten voll!

Doch das ist erst der Anfang. Jesus redet weiter mit ihnen. Sie erleben, dass er ganz und gar auf ihrer Seite steht. Dass er immer bei ihnen sein wird. Auch dann, wenn sie glauben, allein mit ihren Problemen dazustehen: Jesus ist schon da. Und mit Jesus ist die Lösung schon da! Er redet zu uns. Nicht nur in den sechs Wochen unserer Aktion. Auch in der nächsten Woche, auch in den Wochen nach der Stille-Aktion, auch dann, wenn wir schon wieder im Alltag untergehen: Jesus ist da. Und er redet! Er ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.

Mich hat das Zeugnis eines Indonesienmissionars sehr beeindruckt, der schreibt:

„Weißt du, bei uns würde ja kein Mensch Christ, keiner würde aus den anderen Religionen zum Christentum übertreten, wenn der Jesus, den wir anpreisen, wenn der nichts zu tun hätte mit der Familie und mit der Gesundheit und mit den Fragen: Wie geht es nun weiter? Und wenn er nicht Macht hätte über die Dämonen. Es würde keiner wechseln für einen Theorie-Gott."

Jesus ist auch heute und in unserer Mitte unser Versorger. Bei seinen Jüngern hatte Jesus Brot und Fisch nach einer langen und frustrierenden Arbeitsnacht bereit. Er stärkt sie körperlich, weil sie es in dem Augenblick brauchen. Jesus sagt in dem Augenblick nicht etwa: „Ich bin das Brot des Lebens – das muss genügen.“ Oder: „Ich habe euch zu Menschenfischer gemacht. Was macht ihr hier auf dem See? Ihr braucht keine Fische.“ Nein, Jesus gibt den Jüngern was sie brauchen. Welches sind deine Sorgen und Nöte heute Morgen? Machen dir dein Beruf, deine Gesundheit, deine Emotionen, deine Finanzen, deine Familie Kummer? Was immer dich belastet, bring es zu Jesus. Er ist da und möchte dich mit allem versorgen, was du nötig hast. Er will dich überreich beschenken, ganz konkret. Jetzt. Vertraue dich ihm an. Und dann beobachte, was ER in deinem Leben tut.

 

Wir haben bald 40 Tage lang eingeübt, auf Gott zu hören. Die große Gefahr ist nun, dass wir alles wieder vergessen und hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben. Dass wir nun wissen, wie man Gottes Stimme hören kann, dass wir es aber nicht tun. Doch Jesus ist schon da. Er wird uns abholen, uns herausfordern. Auch nach den 40 Tagen. Wir werden viele Wunder erleben in den nächsten 40 Tagen, 40 Monaten, 40 Jahren und bis in die Ewigkeit hinein. Gott redet. Und wir lernen mehr und mehr, ihn zu hören. Er hat immer das überraschende, und vor allem auch das letzte Wort. Und das hat er noch lange nicht gesprochen.

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